Lüneburg, am Sonntag den 09.08.2026

Das soziale Netz zerreißt — es trifft die Schwächsten

von Carlo Eggeling am 25.06.2026


Die Kostenfrage wäre schnell beantwortet: zu teuer, zentralisieren. Gesellschaftspolitisch sähe die Antwort wahrscheinlich anders aus: eine Investition, die lohnt, weil sie das Leben einiger verbessert, aber für alle eine Bereicherung bedeuten kann. Wohiun steuert der Sozialstaat? "Menschen können das erste Mal alleine wohnen, dafür brauchen sie aufgrund ihrer Einschränkungen Unterstützung", sagt Daniela Laudan. "Wird die Förderung dort gestrichen, müssten sie zurück ins Wohnheim." Scheinbar billiger. Für die Vorsitzende des Lüneburger Behindertenbeirats bedeutet die gesamte Debatte um Einsparungen im sozialen Bereich "eine Rolle rückwärts". Vor acht Jahren sei im Sozialgesetzbuch die Selbstbestimmung ausgebaut worden, nun gebe es einen Stimmungswechsel.

Man kann anders rechnen. Daniela macht es vor. Bislang sei es Ziel, Kinder mit Behinderungen in sogenannten Regelschulen zu unterrichten, dafür begleiten "Schulassistenzen" die Mädchen und Jungen. Werde dort gestrichen, sei das für Lehrern und Klassen ein "Chaos, denn die Schulen sagen, sie sind bereits am Limit".

Doch es gebe zudem eine bildungspolitische Konsequenz: "So zementiert man Förderschulen, die man eigentlich abschaffen wollte. Beide Formen zu erhalten, ist teuer. Steckt man das Geld in die Inklusion würde man viele Förderschulen überflüssig machen." Und Geld sparen. Die Sozialarbeiterin ergänzt: Mehrere Studien belegten, es komme nicht auf die Klassengröße an, sondern auf den Lehrer, "die Beziehung zu ihm ist maßgeblich für den Lernerfolg". Und noch einmal Zahlen: Dreiviertel der Schüler der Förderschulen Lernen, also Kindern die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind, verließen die Schulen mit kleinen Klassen ohne Abschluss -- Alternativen wären sinnvoll.

Daniela Laudan sieht nicht nur die Eingliederungshilfe in Gefahr: "Der Sozialstaat wird an allen Ecken angegriffen, die Rentendebatte, Einsparungen bei der Krankenkasse, die Hilfsmittel wie passende Rollstühle oft ablehnt. Kürzungen bei der Grundsicherung würde auch viele Behinderte treffen, gerade bei der Lebenshilfe." Der Lüneburgerin fehlt der Blick nach vorne: "In einer älter werdenden Gesellschaft spielen Krankheit und Pflege eine andere, eine größere Rolle. Menschen mit Einschränkungen werden auf einen Kostenfaktor reduziert, als ob sie der Gesellschaft nichts zurückgeben würden."

Sie ist sicher, Klagen vor Sozialgerichten werden zunehmen -- das koste auch. Vor allem werde es jedoch Proteste geben. Die ersten Demos laufen, Verbände und Gewerkschaften machen Druck auf die Politik. Die Lage sei dramatisch: "Bei diesem Tempo geht es nicht um Löcher im Sozialsystem, sondern und große Risse." Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Frank Müller
am 26.06.2026 um 11:11:19 Uhr
Die Kritik ist im wesentlichen berechtigt, ein Hauch von Alarmismus ist aber auch dabei. Denn: bisher ist dieses Sammelsurium an möglichen Einsparungen eine Liste, die im Vergleich zu anderen Dingen noch weit von Gesetzesreife entfernt ist. Nirgendwo steht, dass Schulbegleitung nur in dieser Form (in der Regel nur für eine einzelne Person bewilligt) organisiert werden kann und muss. Es sind durchaus regelhaft andere Formen denkbar, von denen dann im begründeten Einzelfall abgewichen werden kann.
Inklusion und Schule: die Förderschule für geistige Entwicklung wurde bisher nie in Frage gestellt, hat mindestens seit Schließung der Förderschule L steigende Schülerzahlen, ein Neubau wird geplant!
Von daher: einige Diskussionen sollten stärker sachorientiert und weniger ideologisch geführt werden!


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