Ein Angebot als Sex-Spielzeug
von Carlo Eggeling am 14.07.2026Kurt-Werner Wichmann bietet sich für Sexspiele an
Der mutmaßliche Göhrde-Mörder suchte über Anzeigen intime Kontakte. Suchte er so auch Opfer? Die Gruppe um den ehemaligen LKA-Chef Reinhard Chedor trägt neue Erkenntnisse zusammen
Als "diskreter Boy" stelle er sich "gerne vernachlässigten Frauen (älter und große Rundungen) zur Verfügung!". Kurt-Werner Wichmann ging mit solchen Anzeigen in Magazinen wie Happy weekend auf die Suche nach Kontakten. Manchmal beschrieb er sich als "bi", offen für Treffen zu dritt. Spielten solche Überlegungen für den mutmaßlichen Serienmörder eine Rolle, um an Opfer heranzukommen? Der ehemalige Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, Reinhard Chedor, und seine Mitstreiter gehen dieser These nach.
Wichmann gilt als "Göhrde-Mörder", zwei Paare starben im Sommer 1989 in dem Waldgebiet, Wichmanns DNA wurde lange danach auf einem der Sitze der Autos der Opfer ausgemacht. Zudem hat er mit hoher Wahrscheinlichkeit die ebenfalls 1989 verschwundene Birgit Meier aus Brietlingen-Moorburg getötet, ihre Leiche fanden Birgits Bruder, der ehemalige Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff und sein Nachfolger und Freund Chedor im Herbst 2017 unter Wichmanns Garage am Lüneburger Stadtrand.
Im Team arbeiten Juristen, ehemalige Polizisten, Gerichtsmediziner, Psychologinnen, Archäologen und Journalisten mit. Ihr Ansatz: Wichmann hat laut einer Polizeieinschätzung bundesweit im "hohen zweistelligen Bereich" Gewalttaten verübt. Welche? Nutzte der „Menschenjäger“ Kontaktanzeigen, um Fallen zustellen?
Die Göhrde rückt erneut für Chedor in den Blick und damit die Erinnerungen von Zeugen nach fast vier Jahrzehnten, die verändern sich. Ein Beispiel. Auf einen meiner Artikel meldete sich Sonja Banz. Sie will das Ehepaar Reinold am 21. Mai 1989 gesehen haben, möglicherweise mit Wichmann.
Die Erzählung geht so: Sonja Banz und ihre Freundin Elke waren aus Govelin Richtung Leitstade geritten. Zuerst hätten sie einen jungen blonden Mann mit einem Fahrrad mitten im Wald getroffen. Auf einem Weg hätten sie die Reinolds einem Körbchen getroffen. Sonja sagte: "Für Pilze ist es aber sehr früh." Die Antwort: "Wir wollen ein Picknick machen."
Eine Dreiviertelstunde später sei ihnen ein Auto mit einem Mann am Steuer mit hoher Geschwindigkeit auf dem Waldweg an einer Kurve entgegengekommen, vermutlich der Radler. Sie habe sich das Hamburger Kennzeichen HH - R 246 gemerkt, weil sie eine Anzeige erstatten wollte. Die Nummer gehört zum Wagen der Reinolds.
Erinnerungen können sich ändern. Denn bei der Polizei hatte sie am 14. Juli 1989 ausgesagt: In dem Auto hätten die Reinolds gesessen. Eine weitere Person will sie nicht bemerkt haben. Kein Wort zu einem Radler im Wald. Aber eben das Kennzeichen, das der Öffentlichkeit nicht bekannt war.
Die Polizei ging 1989 trotzdem davon aus, dass es sich um ein anderes Paar gehandelt haben dürfte, nicht um die Reinolds. Heute heißt es von der Polizei dazu: „ Zu den von Ihnen angesprochenen Angaben von Frau Banz und Frau V. können wir mitteilen, dass entsprechende Wahrnehmungen und Aussagen im Ermittlungsverfahren berücksichtigt und bewertet wurden. Nach derzeitigem Stand ist nicht zweifelsfrei feststellbar, dass es sich bei dem von den Zeuginnen beschriebenen Paar um das Ehepaar Reinold gehandelt hat. Diese Einordnung bleibt bestehen. Die Angaben werden gleichwohl weiterhin im Gesamtzusammenhang mit anderen Spuren und Hinweisen betrachtet.“
Interessant bleibt die Schilderung gleichwohl. Sie passt in den Tagesablauf der Reinolds. Die Hamburger gingen in Wietzetze essen. Von dort kommt man im Nu nach Leitstade und von dort mitten durch den Wald nach Dübbekold und Göhrde auf die B 216; bis Röthen, dort fand man später die Toten, sind es ein paar Minuten mit dem Auto.
Erinnerungen. Darum ging es gerade bei einer Tagung der Polizeidirektion zum Thema Cold Case mit rund 130 Teilnehmern.
Die Psychologin Prof. Fiona Gabbert von der University of London beschrieb, was auch wir erlebt hatten, der Kopf verändert Bilder und Geschehen mit der Zeit, weil neue Informationen dazukommen. Die Professorin gab Hinweise zum Führen kognitiver Interviews, der Technik, die auch Chedor verwendet. Es gehe darum, Zeugen in den Zeitraum der Tat zurückzuversetzen. Welche Musik, welcher Kinofilm war angesagt? Wer war bei dem Ereignis dabei, gab es einen Geruch, Kleidung?
Es hilft Zeugen bei der Reise in die Vergangenheit, aber auch, das zu erkennen, was über die Jahre dazugekommen ist und nicht zum eigentlichen Geschehen gehörte.
Ortswechsel. Die Anhalterinnen-Morde bei Cuxhaven und Bremerhaven. Zwischen 1977 und 1986 verschwanden sechs Frauen, die Polizei geht davon aus, dass sie ermordet wurden. Wichmann, der sich 1993 das Leben nahm, war mit dem Landstrich gut vertraut. Chedor fand heraus, dass der „Loverboy“ eine Beziehung mit einer wohlhabenden Witwe in Altenwalde hatte, sie sollte ihn wohl aushalten. Das Team kann die Verbindung mit Aussagen von Zeitzeugen und Fotos belegen, die Wichmann in den 1980er Jahren beim Sonnenbaden in dem Dorf bei Cuxhaven zeigen.
Dazu kommt, Wichmann arbeitete zeitweilig für die Abstinenzler-Organisation Guttempler in Lüneburg. Die hatte Kontakte ins Cuxland. Das belegen Akten, die Wichmann in seinem Garten vergraben hatte. Er kannte das Revier; ging er dort auf die Jagd? Carlo Eggeling
>> Hinweise: carloeggeling@web.de
>> Mehr im Internet unter Mordserie.de
Die Fotos:
Reinhard Chedor spricht in der Göhrde mit Augenzeugin Sonja Banz. Sie sagt, sie habe das Ehepaar Reinold an ihrem Todestag gesehen -- und wahrscheinlich auch Kurt-Werner Wichmann.
Reinhard Chedor und der international bekannte Gerichtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel tauschen sich regelmäßig über mögliche Taten Wichmanns aus. Sie gehen auch vor Ort auf Spurensuche. Das Bild entstand bei einem Ortstermin nahe Cuxhaven.
Die Bilder zeigen Anzeigen, auf denen Wichmann seine Dienste anbot. Er galt trotz seines "stechenden Blicks" als attraktiver Mann.
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