Ein guter Kommunist — Erinnern an Franz Holländer
von Carlo Eggeling am 02.11.2026Er saß unter den Nazis im Gefängnis und im Konzenztrationslager, er saß in der Bundesrepublik hinter Gittern -- Franz Holländer war Kommunist und damit einer, der sich mit der Obrigkeit anlegte, den der Staat als kriminell erachtete. Jetzt soll ein "Stolperstein" an den Lüneburger erinnern. Der Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt das kleine Mahnmal an der Rotehahnstraße, dort lebte Holländer zeitweilig. Peter Asmussen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hat die Geschichte des gebürtigen Dortmunders aufgeschrieben. Wenn man auf Holländer schaut, blickt man auf ein Stück Lüneburger Arbeiterbewegung. Deshalb ein etwas weiterer Blick.
Holländer kommt als Sohn eines Bergarbeiters am 13. Januar 1904 zur Welt. Seine Mutter stirbt, als er sieben Jahre alt ist. Acht Jahre Volksschule, ungelernter Arbeiter, er besucht Kurse der Volkshochschule, belegt Geschichte und politische Ökonomie. Der Jugendliche schließt sich der Wandervogelbewegung an, findet dort über den Theoretiker Karl August Wittvogel den Weg zum Kommunismus. Wittvogel hatte das Johanneum in Lüneburg besucht und später unter anderem in München und Berlin studiert.
Holländer geht auf Wanderschaft, kommt 1925 nach Lüneburg und findet Arbeit in einer Sperrholzfabrik, wahrscheinlich Ibus in der Goseburg. Auch seine drei Brüder ziehen es an die Ilmenau. Franz leitet die Lüneburger KPD-Gruppe, kämpft für die Arbeiter und gegen rechte Gruppierungen, vor allem die stärker werdende NSDAP. Grund genug für Polizei und Justiz, ihn vorzuladen, seine Wohnung zu durchsuchen.
Eigentlich hat die Arbeiterbewegung einen gemeinsamen Gegner, doch SPD und Kommunisten stehen sich feindlich gegenüber. Die KPD beschimpft die Sozialdemokraten an der Ilmenau in ihrer Norddeutschen Zeitung 1929 als „Sozialfaschisten", da besitzt die NSDAP noch keine politische Bedeutung. Der Redakteur der in Harburg mit Lüneburg-Teil erscheinenden SPD-Zeitung „Volksblatt", Johannes Lopau, revanchiert sich anlässlich eines Streiks von Salinenarbeitern im April desselben Jahres mit „Ehrabschneidern" und „Gelichtern". Die Kommunisten seien „Helden von Moskau".
Als die Kommunisten ihrerseits in den Unternehmen eigene Gewerkschaftsstrukturen aufbauen, reagieren die SPD-nahen Verbände der Fabrik- und der Holzarbeiter und schließen die Oppositionellen aus ihren Reihen aus. Die Stimmung wird immer radikaler, es bilden sich militärische Strukturen – reichsweit. Die NSDAP hat die SA, die deutschnationale Kreisen den Stahlhelm, die KPD den Rotfrontkämpfer-Bund, die SPD und die ihr nahen Gewerkschaften das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.
Selbst als die Nationalsozialisten im Zuge der Weltwirtschaftskrise bei der Reichstagswahl im September 1930 ihre ersten großen Erfolge einfahren, bekriegen sich die beiden linken Parteien weiter. Der Lüneburger KPD-Vorsitzende Holländer soll SPD-Sekretär Karl Markwardt Anfang 1933 bei einer Veranstaltung in Hitzacker angesprochen haben, gemeinsam zu agieren. Marwardt soll es abgelehnt haben. Holländer erzählte später, dass die beiden sich zwei Jahre später im Lüneburger Gefängnis wieder getroffen hätten. Holländer fragte: „Na Karl, was denn nun?" Marwardt habe keine Antwort gegeben.
Was ihnen droht, haben die Linken in Lüneburg schon zuvor erfahren -- von Adolf Hitler persönlich. Der spricht am 31. Juli 1932 auf dem MTV-Platz an der Uelzener Straße. Der Führer der Nationalsozialisten und spätere Diktator macht keinen Hehl aus seinen Plänen: „Wenn meine Gegner mir heute vorhalten, dass ich die satanische Absicht habe, die anderen Parteien nicht mehr gelten zu lassen, dann haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Diese Absicht habe ich!" Immerhin können die Kommunisten Hitler einen Nadelstich versetzen. Sie schaffen es, dass die Tonanlage auf dem Platz zeitweilig nicht funktioniert. Sabotage.
Am 30. Januar 1933 ist Hitler an der Macht. Die Schlägertruppe SA und der deutschnationale Stahlhelm gehen gegen Genossen vor. Am 10. und 11. März 1933 trifft es schließlich das Gewerkschaftshaus an der Schröderstraße (heute Scala-Kino), Einrichtungen der Arbeiterbewegung wie die Konsum-Lebensmittelgeschäfte, Büros und Wohnungen der "Linken".
Die Häscher nehmen bei ihrer Aktion Akten mit, beschlagnahmen laut den Lüneburgschen Anzeigen an der Ritterstraße 62 "endlich den Vervielfältigungsapparat" der KPD. Die Genossen haben damit Flugblätter gegen das braune Regime gedruckt.
Der Todesstoß gegen die Gewerkschaften erfolgt später. Der 1. Mai ist der Feiertag der Arbeiter. Die Nazis münzen ihn für ihre Zwecke um, nennen ihn „Feiertag der deutschen Arbeit". Franz Holländer schildert in seinen Erinnerungen: „Es ging schon am 1. Mai 1933 los, dass alle die Hitler-Fahne grüßen mussten oder aber in den Knast kamen. Einer, der den Faschistengruß nicht nachmachte, war Franz Keding. Er war Leiter der KPD-Pioniergruppe, unserer Kinderorganisation." Kurz darauf verhaftet die Polizei den Genossen Keding, erst stecken ihn die Nationalsozialisten ins Gefängnis, später ins Konzentrationslager.
Ein Schicksal, das auch Holländer durchlebt. Nach dem Reichstagsbrand in Berlin am 28. Februar, bei dem die Nationalsozialisten ihre Finger im Spiel gehabt haben dürften, ist dem Kommunisten klar, was ihm bevorsteht. Er versteckt sich zunächst in einem Kleingarten an der Breiten Wiese, später geht es über die Elbe. Am 12. März verhaftet ihn die Polizei in Bitter im Amt Neuhaus, "wegen Aufforderung zum politischen Massenstreik und Vorbereitung zum Hochverrat“. Die rechtliche Begründung bezog sich auf den Versuch der KPD, durch einen Generalstreik die Machtübertragung an die Nazis zu verhindern.
Holländer kommt ins Gefängnis, weil er als Unruhestifter gilt in sogenannte Schutzhaft. Nach fünf Monaten überstellen ihn die Behörden ins Konzentrationslager Moringen. Er schreibt: "Ich lag mit sieben weiteren Häftlingen auf einer Stube. Das Essen war nicht besonders. Als Schlafstelle hatte ich ein Feldbett … Das Lager wurde von SS-Leuten bewacht. Durch diese wurde ich des Öfteren misshandelt. Besonders nach der Rückkehr eines Teils der Wachmannschaft vom Reichsparteitag in Nürnberg wurde ich im August/September 1933 mittels Hundepeitschen schwer geschlagen. Ich hatte hiervon auf dem ganzen Körper blutunterlaufene Striemenund einige Platzwunden. Vorher musste ich, sowie die Mithäftlinge, alle Gefäße mit Wasser sowie Waschlappen und Tücher aus der Stube entfernen, um uns keine Möglichkeit zu geben, unsere Wunden zu kühlen.“
Im Lager trifft er seinen Bruder Albert, beide müssen weiter ins KZ Papenburg. Ende 1933 darf Franz Holländer zurück nach Lüneburg. Beide werden kurz darauf mit einem ungeklärten Mord in Zeiten der Weimarer Republik in Verbindung gebracht, für den zunächst Faschisten als Täter galten. Doch die politischen Verhältnisse haben sich gedreht. Gefängnis, der Bruder muss ins KZ. Franz wird entlassen. Die Justiz hat keine Beweise. Doch er muss wieder ins Lager. Als er freikommt, zieht ihn die Wehrmacht im Herbst 1941 ein.
Nach dem Kriegsende im Mai 1945 tritt Lüneburger dem lokalen Komitee der NS-Verfolgten bei, nach deren Gründung in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), er ist Sprecher des Stadtjugendrings und selbstverständlich aktiv für die KPD, für die er 1933 in den Rat der Stadt Lüneburg gewählt worden war.
Wegen des von der KPD unterstützten Widerstandes gegen die von der englischen Besatzungsbehörde betriebene Anlagen-Demontage der ehemaligen Reichswerke für Erzbergbau und Eisenhütten in Salzgitter wird er 1950 erneut verhaftet. Wegen „feindlichen Verhaltens gegenüber den alliierten Streitkräften“ verurteilt ihn das Niedergericht der britischen Kontrollkommission in Lüneburg zu sechs Monaten Gefängnis. Eine Anerkennung wird ihm lange danach zuteil. Mit der Übergabe eines Denkmals „Verhinderung der Demontage“ ehrt die Stadt Salzgitter im Mai 2015 in einem feierlichen Akt die Anti-Demontagekämpfer von damals.
1956 verbietet das Bundesverfassungsgericht die KPD als verfassungswidrig. Der Geist bleibt. Der Kommunist Holländer gründet 1968 in Lüneburg eine Gruppe der Deutschen Kommunistischen Partei, die DKP gilt als von der DDR gesteuert. Holländer engagiert sich für Genossen, die Entschädigungen für ihre Leiden in der NS-Zeit fordern oder jetzt vom neuen Staat wegen ihrer Auffassungen angegangen werden. Die Gedenkstätte für das KZ Bergen-Belsen ist ihm ebenso ein Anliegen wie das Ehrenmal im Tiergarten, das an die Morde an Häftlinge erinnert.
Als Zeitzeuge ist er gefragt, spricht vor Schulklassen über Verfolgung und Terror. Er begeistert Studenten und Schüler, sich politisch zu engagieren. Natürlich links. Als die Bäckerstraße in den 1970er und 80er Jahren samstags politische Bühne verschiedener kommunistischer Gruppen ist, steht Holländer dort und verkauft die DKP-Zeitung Unsere Zeit.
Am 23. April 1985 stirbt Franz Holländer. Ein umstrittener, aber von vielen geachteter Mann, der vergebens auf Entschädigungszahlungen für seine Zeit als politischer Häftling gekämpft hatte. Die öffentliche, aber privat von der Geschichtswerkstatt und der VVN initiierte Anerkennung für ein politisches Leben hat vier Jahrzehnte gedauert. Carlo Eggeling
Die Einladung der Geschichtswerkstatt:
Stolpersteine sind mit einer Messingplatte versehene „Steine“. Sie erinnern an Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Seit 2005 wurden insgesamt 74 Stolpersteine in Lüneburg und Adendorf verlegt.
Die diesjährige Verlegung beginnt um 15.00 Uhr am Lüner Damm 13A. Der an dieser Stelle zu verlegende Stolperstein wird der Erinnerung an Ernst Meyer gewidmet. Er lebte lange Zeit hier in Lüneburg, war Patient in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, wurde im März 1941 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein deportiert und dort am selben Tag ermordet.
In der Rotehahnstr. 2 wird um 15.30 Uhr der Stolperstein zum Gedenken an Franz Holländer verlegt.
Gegen 16.00 Uhr werden in der Schlägertwiete 5B zwei Stolpersteine verlegt. Der eine zum Gedenken an Antonina Clausdorff. Sie wurde aufgrund einer psychischen Erkrankung 1939 in die Pflegeanstalt Lüneburg eingewiesen und 1943 dort ermordet.
Der andere Stolperstein ist dem Gedenken an Conrad Clausdorff gewidmet. Nach Aufenthalten in mehreren Heilanstalten wurde er 1941 in Hadamar ermordet.
Finanziert werden diese Stolpersteine über eine private Spende und eine Spende von der Firma Nordson. Diese Gedenkveranstaltung in Lüneburg findet in Zusammenarbeit mit der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Lüneburg statt.
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