Lüneburg, am Mittwoch den 24.06.2026

Ein Museum mit Spätis — zur Lage der Innenstadt

von Carlo Eggeling am 24.06.2026


Zwar hat man das Gefühl, Lüneburg ist von Baustellen umzingelt und die wirken wie eine Bremse in Richtung Innenstadt. Doch weit gefehlt, von man dem Professor im Ruhestand Peter Pez zuhört. Der Mobilitätswissenschaftler meint: "Lüneburg hat den Tiefstpunkt in Sachen Erreichbarkeit erreicht, trotzdem kommen die Leute in die Stadt, die Frequenz nimmt nicht ab." Die Menschen seien fexibel: Umstieg aufs Rad, andere Route, früher losfahren. Das habe eine Untersuchung ergeben. Pez war einer von mehreren Gästen einer SPD-Veranstaltung zur Lage der Innenstadt im Utopia, rund 40 Gäste waren gekommen.

Den Genossen warf der "Radler-Pabst", der Lüneburg seit bald vier Jahrzehnten begleitet, in Sachen Verkehr zu unflexibel zu sein. Es habe sich in den Jahren Oberbürgermeister Mädges zu wenig getan, jetzt mache die grüne Rathauschefin Claudia Kalisch zu wenig. Bahn-Ausbau nach Amelinghausen, Bleckede und ins Wendland, bessere Radwege. Die Ilmenaustraße als "Waterfront", also eine Gastro und Grünmeile. Die neue OB-Kandidatin Andrea Schröder-Ehlers widersprach, die Reaktivierung von Strecken habe die SPD mitangeleiert, für die Ilmenaustraße gebe es Ansätze. Sie hätte ergänzen können, dass die Verkehrsberuhigung der Innstadt ANfang der 90er Jahre auf Rot-Grün zurückgeht.

Was zunächst nach einem guten Wein klingt, endete mit ordentlich Wasser im Glas. Jörg Laser, Wirt des Einzigartig und Blaenk im Wasserviertel sagte, die Frequenz möge toll sein, die Umsätze für Handel und Gastronmie sänken. Den nächsten Schluck Wasser goß Claudia Klamb, Chefin des Café Zeitgeist, ins Glas: Das Minus liege bei 20 bis 30 Prozent. Das sei für viele Geschäftsleute angesichts steigender Kosten mehr als bedrohlich. Auch von Pez Vorschlag einer Happy Hour, um Gäste zu locken, hielt sie nichts -- gar nicht zu bezahlen. Man müsste zu anderen Zeiten die Preise erhöhen, das verschrecke Kunden.

Laser sprach von "dogmatischen" Linien in der Politik. Parkplatz gegen Fahrrad und umgekehrt führe nicht weiter. Der Hotelier verweist auf den demographischen Faktor: 15 Prozent der Einwohner im Kreis seien älter als 70 Jahre, in 20 Jahren werde der Wert bei 45 Prozent liegen -- das Fahrrad ist für Senioren aus Bleckede, Barnstedt und Bardowick dann nicht unbedingt das Mittel der Wahl, um in die Stadt zu kommen. Es komme auf den Mix an, man mache den zweiten Schritt vor dem ersten: Parkplätze streichen und Straßen sperren, ohne den ÖPNV entsprechend zu verbessern und einen seit Jahren geforderten Shuttle-Service auf dem inneren Ring einzuführen sei wenig hilfreich.

Städter schauten zu sehr auf die Stadt, doch gerade das Umland brächte Geld in die Stadt -- nötig, um vieles zu finanzieren. Der Wandel sei zu beobachten. Die Perspektive für die Backstein-Schönheit Lüneburg: "Museum mit Spätis."

Für Menschen mit Einschränkungen brauche es Verbesserungen -- doch vieles werde nicht einmal bei Umgestaltungen bedacht, sagte Miriam Ihnen vom Behindertenbeirat: An Bushaltestellen und Kreuzungen fehlten Furten mit abgesenkten Bordsteinen für Rolli-Fahrer und Menschen mit Rollatoren. In Bussen fehlten Rampen und Platz: Ein Kinderwagen oder ein Rollstuhl an Bord -- da bleiben andere an der Haltestellen stehen.

Auch die sichtbare Verelendung war Thema. Gabriel Siller, ehemaliger Chef der Drogenberatungsstelle, stellte klar, Süchtige, Obdachlose und psychisch Kranke seien Teil der Gesellschaft. Gleichwohl müsse es Regeln und Angebote geben. Öffentliche Räume müssten sicher und sauber sein. Kontrollen seien richtig. Aber Verdängung löse nicht das Problem. Das geplante Szene-Café an der Schießgrabenstraße sieht er kritisch, teuer und fraglich, ob es angenommen werden. Sinnvoll sei es, bestehende Treffpunkte wie Stövchen und Wendepunkt zu stärken: "Warum machen wir nicht mehr aus dem, was existiert?" Ein niedrigschwelliges Angebot in der Innenstadt sei wünschenswert.

Und mehr Leben in der Stadt und keine toten Plätze am Abend. So sieht es auch Claudia Klamb. Die Wirte schilderten, wie viele Auflagen Stadt und Landkreis machten -- teuer und demotivierend. Ein Beispiel: Für die fête de la musique am Wochenende habe nicht eine Generalgenehmigung gereicht, jeder Veranstalter habe einen Antrag stellen -- und bezahlen -- müssen. Begründung: Die Stadt wolle einen Überblick haben. Ein Blick ins Programmheft hätte gereicht.

Die beiden sehen auch zu wenig Mut der Verwaltung: Es reiche, wenn sich nicht mal eine Handvoll Anwohner wie an den Sülzwiesen beschwere, um Konzerte früh enden zu lassen und auf Zimmerlautstärke zu reduzieren. Hotelgäste, die den Kultursommer besuchten hätten gefragt, warum das solle, mache wenig Spaß. Wenn die Gäste nicht mehr kommen, bleibt nur noch Museum mit Spätis für die Einheimischen. Was für Perspektiven. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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