Lüneburg, am Mittwoch den 08.07.2026

Eine Haltestelle als Versprechen

von Carlo Eggeling am 08.07.2026


Eine Bushaltestelle kann ein Versprechen sein. So wie auf dem Kreideberg. Hochbord, Markierungen für Sehbehinderte und ein Radweg, bei dem selbst Vertreter des Radentscheids mutmaßlich lächeln könnten. Allerdings kann man sich das ein und andere Mal versprechen: Zwar liegt die Haltestelle an der Stöteroggenstraße vorbildlich da. Jedoch endet die schöne neue Welt nach 25, 30 Metern -- davor und dahinter zerbröselt der Radweg. Seit Jahren. Und daran dürfte sich absehbar nichts ändern.

Das weiß man auch im Rathaus. Sprecherin Ann-Kristin Jenckel sagt: "Tatsächlich muss der Radweg dort perspektivisch saniert oder aufgehoben werden. Für entsprechende Maßnahmen steht aktuell kein Geld zur Verfügung." Das ist keine neue Entwicklung. Bereits vor zehn Jahren forderte der damalige Ratspolitiker Eckhard Ukat Bauarbeiten: Fuß- und Radwege seien in derart "desolatem Zustand, dass es gefährlich ist". Er hatte damals erklärt: In den vergangenen 30 Jahren seien schadhafte Stellen in der Stöterogge- und Magdeburger Straße immer nur mit "einer Schaufel voll Bitumen ausgebessert worden, was vielleicht an manchen Stellen zeitweise geholfen hat". Aber viele dieser ehemaligen Schäden seien nach einer kleinen Ausbesserung wieder hervorgetreten, weitere große Schäden hinzugekommen. An dieser Zustandsbeschreibung hat sich bis heute augenscheinlich wenig geändert. Nur die Jahreszahl. 40 Jahre und mehrere Oberbürgermeister.

Es hab einmal Pläne, die Radwege zu Grünstreifen umzuwandeln, Pedalos auf die Straße. Das ist bereits seit langem so, weil die Asphaltbänder seit einer halben Ewigkeit nicht mehr den heutigen Vorgaben entsprechen. Der gesamte Kreideberg darf auf der Straße beradelt werden. Am Moldenweg ist das eindeutig, ein rotes Farbspiel auf dem Pflaster bringt den Zweirad-Protagonisten auf die temporeiche Spur abwärts.

Ann-Kristin Jenckel sagt: "Eine Benutzungspflicht besteht auf dem Radweg nicht mehr, entsprechende Schilder wurden vor einigen Jahren entfernt. Dementsprechend können Radfahrende den Radweg nutzen, müssen es aber nicht. Überlegungen zu Entsiegelungen, die es vor Ort vor einigen Jahren gab, wurden bisher nicht weiterverfolgt. In Teilen der Stöteroggestraße wird aktuell geprüft, ob Tempo 30 eingerichtet werden kann." Tempo 30 gilt generell als Spielart der Sicherheit: Kostet nix, beschert aber einen Glaubensgewinn.

Es handelt sich um "Angebotsstreifen". Übersetzt: Wer im Sattel sitzt, kann entweder auf dem Weg fahren oder auf dem Asphalt. Das ist allerdings nicht jedem Autofahrer klar: Mancher fährt eng auf oder hupt, weil er den Radler auf falschen Pfaden wähnt.

Ich hatte vor drei Jahren schon einmal über Radwege berichtet, die keine sind. Nicht nur Speichen-Freunde leben in einer wechselhaften Welt, sondern auch die Anlieger. Für die Nachbarschaft gilt nämlich, sie ist für die Reinigung der Flächen vor ihren Häusern bis zur Bordsteinkante verantwortlich. Das liest sich so: "Bei den zu reinigenden Bereichen handelt es sich um Gehwege. Die Straßenreinigungsverordnung der Hansestadt sieht hier vor, dass Anliegende die Bereiche sauber halten. Dort, wo das nicht passiert und besondere Verschmutzungen oder Behinderungen durch Überwuchs auffällig werden, suchen Ordnungsamt und AGL stets den Dialog mit den Anwohnenden."

Allerdings fegt und zupft nicht jeder, das ergibt sich auf den ersten Blick, wenn man die Strecke entlangradelt. Vielleicht ist es die Anarchie des Grünstreifens, der formal nicht umgesetzt werden kann, aber de facto wächst. An einigen Stellen haschen Gräser und Ranken nach den Reifen. Dass Anwohner die Wege bis zum Bordstein fegen, Scherben wegsammeln oder gar Buschwerk herausreißen, ist eher selten zu beobachten. Im Winter räumt niemand die Wege von Schnee und Eis, im Gegenteil: Dort landet der Schnee.

Da kann man viel über Radringe, Rad-Schön-Strecken und Klimaschutz, der bei jedem selbst beginnt, reden, um festzustellen, im Alltag scheitert es an leeren Kassen und Versprechen, die als Versprecher enden.

Insofern entfaltet die schöne neue Haltestelle, finanziert aus einem Förderprogramm visionäre Wirkung: So könnte es werden. Irgendwann. So lange passen Radler besser auf, dass sie nicht durch ein Schlagloch purzeln oder von einem Autofahrer blöd geschnitten werden.

Vielleicht wäre es mal ein ganz anderer Ansatz für Radler-Lobby-Gruppen wie ADFC, VCD und Radentscheid nicht zweimal im Jahr auf der Ostumgehung zu strampeln, sondern sich wie Kleingärtner zu Gemeinschaftsarbeit zu treffen: Wir zupfen Gestrüpp -- freie Fahrt für freie Radler. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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