Erinnern an das Morden Nachbarn — Lüneburger Sinti
von Carlo Eggeling am 03.08.2026Nutzen Bilder des Gedenkens ab? Am Wochenende berichteten die Nachrichten im Fernsehen über den Europäischen Holocaust-Gedenktag an Sinti und Roma. Schlimm, aber schnell irgendwo im Kopf verkramt. Alles lange her, 80, 90 Jahre. Was während des Nationalsozialimus zwischen 1933 und 1945 in der Region geschah, bleibt präsent, weil Mitglieder von Geschichtswerkstatt und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit Führungen und Broschüren zeigen, dass das Grauen auch in Lüneburg gleich um die Ecke geschah. Das Schicksal der jüdischen Gemeinde ist eher Blick, der Gedenkort der verschwundenen Synagoge am Schifferwall, der restaurierte jüdische Friedhof Am Neuen Felde.
An die "Verfolgung und Ermordung der Lüneburger Sinti" hat die VVN bereits vor 18 Jahren mit einem Heft aufmerksam gemacht, nun legen Peter Asmussen und seine Mitstreiter es erneut vor. "Es ist an der Zeit, an die Lüneburger Sinti-Familien zu erinnern und an ihren weiteren Lebensweg, der sie überwiegend nach Auschwitz führte. Dort fanden wesentlich mehr Lüneburger Sinti den Tod als Lüneburger Juden, was kaum bekannt ist", sagt Asmussen. Nach der "Rassenlehre" der Nationalsozialisten, die wissenschaftlich betrachtet Unsinn ist, gab es viele, die sie für nicht "lebenswert" hielten. Staatlich organisiert wurden beispielsweise Juden, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle oder auch "Zigeuner" verfolgt, eingesperrt, ermordet.
Lüneburger Sinti-Familien lebten zumeist im Wasserviertel. Nachdem die Nationalsozialisten die Regierung übernommen hatten, wollten sie die Menschen an bestimmten Orten quasi zentralisieren. Von 1934 an sollten sie sich an Mehlbachstrift ansiedeln, damals Brachland und Äcker, abgelegen außerhalb der Stadt. Der Staat erließ immer neue Auflagen gegen die Sinti, die schließlich nicht mehr in ihren Berufen wie Schausteller oder Scherenschleifer arbeiten durften. Sie mussten in Lüneburger Betrieben schuften. Schließlich, von 1941 an, gab es ein Barackenlager am Zeltberg.
Die Broschüre beschreibt, was passierte: "In den Morgenstunden des 9. März 1943 wurden alle Lüneburger Sinti in ihren Wohnungen Auf dem Schmaarkamp/ Bardowicker Wasserweg von einem größeren Aufgebot der Lüneburger Kriminalpolizei festgenommen, wahrscheinlich unterstützt von polizeilichen Hilfskräften, mit bereitstehenden Lastwagen oder Omnibussen nach Hamburg-Veddel in ein Auffanglager verbracht und von dort nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Es wurde ihnen erklärt, dass sie irgendwo hinkämen, wo sie gute Arbeit und eine feste Bleibe fänden und gut leben können, und es wurde ihnen lediglich gestattet, ein Handgepäck mitzunehmen; Bekleidung und kleineren Hausrat könnten sie sich später nachschicken lassen. Das Bargeld wurde ihnen noch bei der Registrierung in Hamburg-Veddel abgenommen."
Was sie zurücklassen mussten, kassierte die Stadt. Oberbürgermeister Wilhelm Wetzel setzte um, was im die staatliche Geheimpolizei, die Gestapo vorgab. Das Rathaus ließ das Hab und Gut versteigern. Der Erlös floss in die Stadtkasse. Wetzel erhob aus den "Vermögen" der Betroffenen überdies für die Unterkunft in den Baracken Mieten -- selbst dann noch, als die Menschen längst deportiert worden waren. Wetzel saß nach dem Krieg im Stadtrat, die Gesinnung hatte er gewechselt, er gehörte der FDP an. Auch für Steuerinspektor Bernhard Jacob und Oberregierungsrat Fleischmann hatte ihr Handeln nach dem Kreis keine Folgen, beide durften auf ihren Posten im Finanzamt bleiben. Verwaltung funktioniert.
Das Heft erzählt Schicksale. Familie Weiss war aus Hamburg nach Lüneburg gezogen, wohl in der Hoffnung, dass Verfolgungen nicht so schlimm ausfallen würden wie in der Großstadt. Vater Eduard wurde 1938 als sogenannter Arbeitsscheuer ins Konzentrationslager Sachsenhausen gesperrt. Die Kinder gingen unter anderem in die Heiligengeistschule. Sohn Weidemann musste die Schule mit 14 verlassen und fing in einer Firma an. Bei seinen Brüdern sah es ähnlich aus. In der Nachbarschaft waren die Jugendlichen bekannt als Musiker, sie probten am Kalkbruchsee mit anderen Jungen.
Im März 1943 heißt es im Melderegister: "Abgemeldet 9./12. 3. 1943 nach dem Osten". Das meint das KZ Auschwitz. Zeitzeugen sagten nach dem Krieg aus, der Kriminalbeamte Max Mussgiller und dessen Kollegen hätten die Familie und andere in Omnibusse getrieben. Die Mutter und ihre drei jüngsten Kinder starben in Auschwitz. Lediglich die älteren Kinder entgingen dem Tod, "weil sie in andere Konzentrationslager deportiert wurden".
Johannes kam nach Mauthausen, Karl zunächst nach Natzweiler und Dachau, später nach Tirol, wo er von den Alliierten befreit wurde. Julius und Weidemann wurden nach Buchenwald verlegt, später nach Bergen-Belsen. Auch Schwester Christine kam nach Bergen-Belsen.
Nach 1945 wurden Täter nicht unbedingt zur Verantwortung gezogen. Der Kriminaloberassistent Max Mussgiller war augenscheinlich ein treuer Diener der braunen Diktatur. Er hatte 1933 Razzien geleitet gegen SPD; Gewerkschaften und ihnen nahestehenden Konsumvereine, als Einkaufsläden für Arbeiter, er war Chef des "Zigeunerreferats" der Kripo und damit organisatorisch verantwortlich für die Deportation der Lüneburger Sinti. Nach 1945 durfte er zunächst weiter als Polizist arbeiten.
Sein Vorgesetzter Wilhelm Wichmann war unter anderem in die Aktion gegen die Sinti als Hauptverantwortlicher eingebunden, er blieb nach 1945 Kripochef an der Ilmenau. Alles nicht so schlimm. Im Gegeenteil.
Die Broschüre zitiert einen Auszug aus der Entscheidung des Entnazifizierungs-Hauptausschusses der Stadt Lüneburg vom 8. März 1949: "Wichman ,... gehörte der NSDAP an... Die Unterstützung des Nationalsozialismus durch den Antragsteller bestand lediglich in den pflichtgemäßen Mitgliedsbeiträgen... Der Antragsteller wird ...als entlastet eingestuft." In einer „kirchlichen Bescheinigung" wird Wichmann im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens am 19. November 1946 vom damaligen stellvertretenden Superintendenten Oskar Meyer bescheinigt: „Nach meinem Urteil ist Herr Wichmann ein charakterlich einwandfreier Mann, der schon vor 1933 in anerkannter Weise seinen schweren Dienst versah." Man fragt sich automatisch, was haben die Männer in den zwölf Nazi-Jahren gemacht, die nun Persil-Scheine ausstellten.
Für die Autoren des Sinti-Reports endet die Geschichte nicht. Sie machen auf die Geschichte eines Straßennamens aufmerksam. Im Jahr 2008 wurde aus der Carl-Peters-Straße am Zeltberg die Albert-Schweitzer-Straße, benannt nach dem Arzt der in Lambarene mit seiner Frau Helene 1913 eine Missionsstation und ein Hospital in der Stadt in Gabun in Afrika aufbaute. Ohne Zweifel ein honoriger Mann. Doch auch eine vertane Chance.
Carl-Peters-Straße, 1937 in der NS-Zeit so benannt, erinnerte an den wegen seiner Brutalität in Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, auch „Hänge-Peters" genannten Kolonialbeamten aus dem Amt Neuhaus. Die Gruppe um VVN und Geschichtswerkstatt hatte dafür geworben, den Straßenzug aufgrund der Nähe zum "Deportationsort der Sinti" nach einer ermordeten Sintifamilie zu benennen. Der Rat entschied anders.
Es bleibt das Erinnern an die, die man vertrieb, verfolgte, ermordete. Bilder in Nachrichten mögen sich abnutzen, die Geschichte und das Grauen nicht. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen davon erzählen. An den Orten, an denen das Schicksal bleibt, auch wenn wir sie heute anders nutzen. Carlo Eggeling
Das Heft gibt es für fünf Euro im "Avenir" im Utopia in der Katzenstraße 1a oder für acht Euro inklusive Porto unter
vvn-bda-lg@vvn-bda-lueneburg.de
Die Bilder zeigen die Klasse von Wiedemann Weiß und sein Registerkarte
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