Lüneburg, am Donnerstag den 08.10.2026

Explosionen, SEK-Einsatz im Landkreis und ein Krieg im Hamburger Milieu

von Carlo Eggeling am 08.10.2026


Ein Mann läuft in der Nacht zum 3. Oktober auf das Gelände einer Tankstelle im Landkreis und wirft in Richtung einer Werkstatt einen Sprengkörper. Explosion. Scheiben gehen zu Bruch. Zufall? Ein knalliger Witz? Oder eine knallharte Botschaft? Denn in derselben Nacht detoniert ein zweiter Sprengsatz an der Scharnhorststraße vor einem Wohn- und Geschäftshaus. Der zweite Anschlag schafft es in den Polizeibericht, der erste nicht. Man prüfe "einen Zusammenhang", heißt es auf Nachfrage von der Polizeidirektion.

Der dürfte nahe liegen, denn angeblich haben beide Adressen mit einer Familie zu tun, die eine Rolle in einem tödlichen Kampf im Hamburger Milieu spielen soll und der auch in den Landkreis Lüneburg schwappt. Die Hells Angels und sogenannte Familien-Clans gehören zu den Akteuren.

Es geht im Wortsinne knallig weiter. Heute Morgen gegen sechs rückt die Polizei mit robustem Aufgebot zum "Hausbesuch" am Bardowicker Wasserweg an. Mit dem SEK, Maschinenpistolen im Anschlag, berichtet man aus dem Viertel. Es habe vier-, fünfmal geknallt. Keine Schüsse, möglicherweise aufgesprengte Türen und Blendgranaten. Wieder geht es um die gleiche Familie. Eine Hausdurchsuchung. Die Polizei bestätigt die Aktion, allerdings nur schmallippig: Der Vorwurf laute auf Waffenbesitz und richte sich gegen eine Person. Was gefunden wurde, ob es eine Festnahme gab? "Kein Kommentar."

Das Gleiche gilt für eine Durchsuchung der Werkstatt auf dem Tankstellengelände am Donnerstagmorgen. Die Polizei prescht mit mehreren Fahrzeugen an, Beamte dringen in die Räume ein, Hundeführer dabei. Sie suchen nach Waffen und Drogen. Die Polizei sagt dazu nichts. Im Dorf ist es das Thema.

Die Polizei geht offensichtlich massiv vor, um ein Feuer zu ersticken, das aus Hamburg längst aufs Umland übergegriffen hat. Manchmal geht es um Kleinigkeiten, die zeigen, wie dramatisch etwas ist. Die Polizeiinspektion, die eigentlich für Stadt und Kreis zuständig ist, verweist bei Anfragen auf die Polizeidirektion, also die höhere Behörde. Dort angesiedelt ist die Zentrale Kriminalinspektion, die Einheit, die sich mit schwerster Kriminalität befasst.

Um die geht es, LA berichtete. An der Hamburger Lagerstraße wurden zwei Männer erschossen, in Geesthacht fielen Schüsse bei einem führenden Hells Angel, es gab Schüsse auf eine Bar am Grindel. Ende August feuerten Unbekannte auf einen 23-Jährigen in Scharnebeck, der Mann kam gerade nach Hause, erstaunlicherweise trafen sie nur sein Auto und den Hauseingang. Eine Warnung? Der junge Mann entschuldigte sich später im Internet mit einem Video bei dem Geesthachter Hells Angel. Er hatte eine Regenbogenflagge auf dessen Grundstück befestigt -- eine "schwule" Beleidigung in der Macho-Welt.

Diese Facette der Geschichte könnte die Explosionen in der Nacht zum 3. Oktober erklären. Denn der 23-Jährige, so erklärt es jemand, der die Geschichten kennt, sei von der Familie für ein paar Hundert Euro angestiftet worden, nach Geesthacht zu fahren. Mit den Angels, denen man seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden sei, habe man das Ganze geklärt und sich entschuldigt. Von der Familie, bei deren Mitgliedern es zu den Explosionen kam, habe man danach auch eine Entschuldigung erwartet -- und angeblich erhalten.

Schwer zu überprüfen. Aber Abläufe passen zeitlich, und die "Quellen" sind nach meiner Einschätzung glaubhaft. Aber natürlich erzählt jeder eine eigene Version.

Eine dritte Lüneburger Familie spielt eine Rolle, sie betreibt Geschäfte an der Bardowicker Straße. Murat C, genannt der Schwarze Murat, wurde vor ein paar Wochen verhaftet, er steht im Verdacht, versucht zu haben, unter anderem vier Tonnen Kokain aus Südamerika nach Deutschland zu schmuggeln. Auch mit zwei Cannabis-Plantagen, eine davon in Artlenburg, wird er in Verbindung gebracht. Die Polizei kam zur Ernte, es gehe um eine halbe Tonne Haschisch und Marihuana, vermeldeten die Beamten später.

Der Schwarze Murat gilt als Akteur im Hamburger Milieu, laut Bild-Zeitung als "Friedensrichter". Mitglieder anderer Familien lachen und nennen ihn "Hampelmann", eine Provokation.

Die Polizei hat bei der hiesigen ZKI eine sogenannte BAO eingerichtet, eine besondere Aufbauorganisation. Die kooperiert mit Spezialgruppen in Schleswig-Holstein und Hamburg, die Hamburger Staatsanwaltschaft hat im Verfahren den Hut auf. Die Polizeidirektion will ebenso wie die Behörden in Hamburg und die ebenfalls involvierte Staatsanwaltschaft für Clan-Kriminalität in Stade kaum etwas dazu sagen. Zur Frage nach der Sicherheit für die Bevölkerung lautet die Antwort: "Aufgrund entsprechender polizeilicher Ermittlungen sowie einzelner in Teilen von Ihnen geschilderter Vorfälle hat die Polizei ihre Präsenz erhöht."

Carlo Eggeling

Das Foto zeigt die Explosion auf dem Gelände der Tankstelle.

© Fotos: ca


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