Früher war mehr Anpacken
von Carlo Eggeling am 20.06.2026Meine Woche
Seltsam
"Die Leute hatten ihren Glauben verloren, dass es aufwärts gehen könnte. Lethargie lag auf dem Land", notiert Wolfgang Schäuble in seinen Erinnerungen. "Nicht jammern und verzagen, sondern den Menschen wieder Vertrauen in die Zukunft geben." Der ehemalige Minister, Bundestagspräsident und CDU-Partei- und Vorsitzende blickt auf die 1980er Jahre zurück, den Bonner Regierungswechsel 1982 zu Helmut Kohl. Wir haben viel gelacht über den Kanzler, den wir wegen seiner Kopfform Birne nannten, was heute undenkbar wäre, Bodyshaming und so. Er sprach von "geistig-moralischer Wende". Das klang nach Mottenkiste, meinte aus Schäubles Sicht jedoch Zuversicht und Anpacken.
Noch ein Rückblick. 1983 kamen die Grünen in den Bundestag, rebellisch, Joschka Fischer, Taxifahrer und Steinewerfer, der in einer hitzigen Debatte Bundestags-Vizepräsidenten Richard Stücklen zurief: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ Können Sie sich das heute vorstellen — wie heißen die Grünen-Parteichefs noch?
Dann Petra Kelly, eine Ikone der Friedensbewegung, die tragisch starb. Schäuble beschreibt es so: "Wenn sie sprach, musste man vernünftigerweise immer gleich mitheulen, weil die Welt so traurig war." Doch die Grünen stand bei allen Sonderlichkeiten für Neues, für den Blick auf die Umwelt. Für eine Idee. Das erkennt der Konservative Schäuble an. Die Grünen bewiesen Weitblick, welcher der CDU fehlte.
Damit sind wir im Hier und Jetzt. Bei Parteien, die keine Vision entwickeln. Die nicht erklären, warum starre Arbeitszeitmodelle sich ändern müssen, warum die Rente vor dem Kollaps steht und in Zukunft so nicht funktionieren wird und daher Betriebsrenten und andere Ansätze eine Alternative sind, warum wir eine Wehrpflicht für Männer und Frauen brauchen, warum wir einen Ausbau von Schiene und Straße und eine Menge Reparaturen nötig ist. Warum wir ohne eine gesteuerte Zuwanderung nicht bestehen können und warum es für ein Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen ohne Regeln und Grenzen nicht geht. Klar muss sein, es trifft alle. Im Spiegel sagt die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer: "Wir leben von der Substanz."
Wandel. Dafür muss ein Ziel am Firmament leuchten. Es braucht nicht nur Verzicht und Anstrengung, sondern Erfolge. Spürbar. Dem britischen Kriegspremier Winston Churchill wird der Satz zugeschrieben: "Lass niemals eine gute Krise ungenutzt verstreichen!“
Ja, klingt ein bisschen pastoral. Aber diese Stimmung wie bei den Punks der 1980er No Future ist so langweilig. Heulend recht haben. Was hilft es? Den meisten geht es ziemlich gut, trotzdem ist die Miesepeterei mit Händen zu greifen. Alles maßlos traurig, deshalb finden manche die gut, die sich Alternative nennen und keine zu bieten haben. Fakten, Vetternwirtschaft, Rassismus und offenkundiger Unsinn -- alles perlt ab. Kaum zu glauben.
Es gibt Alternativen. Wie schön, dass Menschen Kunst und Kultur samt Eigeninitiative schenken. Corinna Krome, Chefin des Kulturzentrums Mosaique, und der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Blankenburg laden morgen zur Fête de la musique ein, mehr als 60 Konzerte an zwei Dutzend Orten, wer eine Bühne anbietet, organisiert die selbst. Klasse. Genauso mein alter Freund Hans Seelenmeyer, der in seinem Stall im Lemgrabe zur Musik einlädt oder Ben Boles mit seiner Feierabend Kultur.
Weil mir heute so blümerant ist, eine paar Worte des packenden Schriftstellers Daniel Kehlmann: "Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war." Hoffnung eben, Perspektiven. Damit es nicht so bleibt, wie es niemals war.
Ein paar Szenen zum Schluss. Die SPD schickt Andrea Schröder-Ehlers ins Rennen ums Rathaus. Oliver Wozinok fällt krank aus. Das trägt skurrile Züge. Den Mann kannte man nicht mal in seiner Partei, warum haben die Sozis die ehemalige Bereichsleiterin im Rathaus, Landtagsabgeordnete und jetzige Vizepräsidentin des Landesrechnungshofs nicht früher auf den Schild gehoben? Keine Mehrheit oder wollte sie nicht? Jetzt schreiben sie die Geschichte „Wir können Krise“ und liefern die Perspektive Familie und Soziales.
Gut ist der Antritt der Juristin auf jeden Fall, weil endlich neben der Oberbürgermeisterin eine zweite Frau in die bisherige Gockel-Parade flattert. Für Kreishaus treten bislang nur männliche Bewerber an. Haben die Parteien keine starken Frauen oder haben die keine Lust, sich Männerclubs abzueseln?
Aufregung bei einem Kanal, dessen intellektuelle Kunststücke beeindrucken. Halb- und Dreiviertel-Nazis bejubeln und gleichzeitig die Grüne Claudia Kalisch als beste Oberbürgermeisterin der nördlichen Hemisphäre feiern -- wow.
Die Dauerbeschallung: Die AfD gehört zu denen, die angeblich für die Meinungsfreiheit eintreten, die in ihrem Fall aber stets infrage stehen soll. Wie das passt, wenn man eben all das verkünden kann? Es erinnert an Rubriken wie „Fragen Sie Frau Karin“ oder so.
Nun musste die AfD vergangenen Samstag aushalten, dass Linke protestierten. Laut, nervig. Vollkommen üblich in einer Demokratie. Die Bäckerstraße bietet seit Jahrzehnten die Bühne für Meinungen. Die Polizei sagt: War nix, keine Strafanzeige. Der eigentümliche Spartenkanal bleibt bei seiner Grundhaltung: Fakten sind egal, Empörung reicht.
Natürlich liegt die Frage nahe, warum sich Claudia Kalisch und ihre Partei nicht deutlich von diesem Sprachrohr mit Mundgeruch distanzieren, wenn sie gleichzeitig gern mal bei Kundgebungen für Toleranz und Menschlichkeit eintreten. Seine Freunde kann man sich schließlich aussuchen. Ist man sich irgendwie doch nahe?
Zurück zum Anfang. Zum Abschied aus dem Jammertal. Wahrscheinlich steht hier wieder Unsinn? Daher ein Trost. Der Satiriker der Frankfurter Schule F.W. Bernstein wusste: "Die schärfsten Kritiker der Elche / Waren früher selber welche." Heiteres Wochenende. Carlo Eggeling
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