Lüneburg, am Samstag den 15.08.2026

Früher war mehr Regenschirm

von Carlo Eggeling am 15.08.2026



Meine Woche

Früher war mehr Regenschirm



Die Welt ist ein Tal des Jammers. Es brennt überall, Flüsse verdünnisieren sich. Trump, Putin, die Chinesen. Die Wirtschaft taumelt. Die Preise steigen. Kaum zu ertragen. Die da oben, wir da unten. Maßlos traurig. Wir haben die Tafeln und Lebensmittelschränke für Umverteilung. Es braucht keine Suppenküchen, sondern Räume, in den Menschen gemeinsam weinen können ob der gemeinsamen Depression. Wo bleibt die politische Forderung? Wir haben doch Wahlkampf. Platz ist kein Problem: In Freistunden könnte die Stadt in den Dialograum an der Grapengießerstraße einladen. Tränen der Solidarität. Vielleicht spendiert ein Drogeriemarkt Taschentücher.



Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das sich als "Sturmgeschütz der Demokratie" empfand und heute in seiner Brisanz an ein Blasrohr für Erbsen erinnert, plopp plopp, bietet sich gerade als Sessel des Psychotherapeuten an. Kritik sei gut, aber Lösungen wolle man präsentieren, hat Susanne Beyer für die Chefredaktion neulich geschrieben. Wie verzweifelt muss der Abonenntenrückgang aussehen? Die Welt war immer zum Verzweifeln; und voller Fortschritt.


"Sagen, was ist", steht groß als Motto des Magazingründers Rudolf Augstein in der Halle des Spiegel-Hauses in Hamburg -- Was ist, nicht, was irgendwie gefühlt schön sein könnte. Tempi passati. Sturmgeschütz? Plopp, Erbsenrohr. Beim Schriftsteller Max Frisch habe ich einen Satz von 1958 gelesen, der auch für Journalisten Maxime sein sollte. "Alles Lebendige hat es in sich, Widerspruch zu sein. Es zersetzt die Ideologie, und wir brauchen uns infolge dessen nicht zu schämen, wenn man uns vorwirft, unsere Schriftstellerei sei zersetzend. Das ist ja unser Engagement."



Hinsehen, benennen, was Menschen beschäftigt, im besten Fall folgt daraus Engagement. Wer Predigten halten möchte, suche sich seine Kirche. Wenn ich im ZDF Özden Terli sehe, schalte ich um. Vor Jahren wusste man nach dem Wetterbericht, ob man morgens einen Regenschirm oder Sonnenmilch mitnimmt. Heute das ewige Lamento des tödlichen Klimawandels. Den erleben wir, alles andere ist Unsinn. Das Thema nudelt sich bloß so ab, dass Fridays for Future rinnsalig wirkt wie gerade die Elbe bei Bleckede. Um die Erinnerung hochzuhalten an die richtige problembewusste Erziehung kommen nun Mama, Papa, Oma und Opa zu Ummärschen. Parents for Future. Özden Terli und Frau Beyer fehlen wahrscheinlich nicht.



Greta Thunberg, die heute mit Terroristen-Freunden gemeinsame Sache macht, schenkte der wohligen Untergangsstimmung die Wucht der falschen Prophetin: Wir Alten müssten uns was schämen, wir hätten den Kleinen die Zukunft geklaut. Echt? In der lange verseuchten Elbe kann man wieder baden, das Ozonloch ist weitgehend geschlossen, alternative Energien stehen als Windquirle allüberall am Horizont, Armut hat weltweit abgenommen. Ist halt nie zu Ende, weil die Welt sich erfreulicherweise dreht. Anpacken ist eine Daueraufgabe.



So schlimm war's nie? 2007 schüttelte die US-Finanz- und Immobilien-Krise um die Firma Lehman-Brothers die Welt. Kaum Zeit zum Luftholen: 2010 folgte die Staatskrise im Euro-Raum, Griechenland, Spanien, Italien mehr oder weniger pleite. In den 1990er Jahren der Jugoslawien-Krieg, Deutschland nahm Hunderttausende auf. 2015 Syrien, in der Folge kamen mehr als eine Millionen Menschen ins Land. Die Probleme wurden unterschätzt, klar. Was wäre die Alternative zum Optimismus und Vertrauen Angela Merkels "Wir schaffen das" gewesen? Das Land sagte willkommen mit ungezählten privaten Initiativen. Ach ja, Corona vergessen wir schon.



Puhhh. Wir hatten es noch nie so schwer. Trump, Putin, Ukraine. Hitzewellen. Wirtschaft im Taumel. Echt? Wo bleiben die Flagellanten, die im späten Mittelalter durch die Straßen zogen und sich selber peitschten? Ihre Sünden waren verantwortlich für Hungersnöte und den Schwarzen Tod, die Pest. Hat zwar nix geholfen, aber die Lust am Büßen ist geblieben. Terli und Beyer. Immerhin.



Im April barmte Friedrich Merz im Spiegel: "Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen." Die sozialen Medien seien gemein. Ich hatte überlegt, ob ich nach Berlin fahre, um ihn zu trösten. Aber wer bin ich, außerdem ist er verheiratet, Charlotte macht das schon. Willy Brandt, der 1969 Bundeskanzler wurde, emigrierte vor den Nazis 1933 nach Norwegen, ging in den Widerstand, dort nahm er seinen "Kampfnamen" an. Seine Gegner nannten den Sozialdemokraten Vaterlands- und Volksverräter. Als uneheliches Kind geboren, musste er sich anhören, eigentlich heiße er Herbert Frahm. Brandt, ein sensibler, melancholischer Mann, hat gelitten, aber nicht weinerlich öffentlich, das beschreibt unter anderem seine zweite Frau Rut in ihren Erinnerungen.



So wie Kanzler Fiete mal auf den Schoß möchte, will es die AfD. Ständig Opfer. Bla, bla, aber kein greifbarer Ansatz. Wie oft haben Journalisten und Wissenschaftler belegt, dass Frau Weidels Erzählungen selbst im Phantasialand wegen Irrwitz durchfallen. Im Jammerland haben alle Angst vor der AfD -- und reagieren ständig auf die, die sie verhindern wollen. Die lacht sich kringelig.



Brandt hatte Anderes. Eine Idee, die Fähigkeit zu begeistern, die nötige Härte und das Glück des Moments, in einer von Waffen klirrenden Welt, in der in jeder Minute Atombomben den Globus hätten umpflügen können. Wo ist die Idee? Mehr Demokratie wagen, sagte Brandt. Das bedeutet Vertrauen in die Wähler, weil die in einem der besten Länder der Welt leben. Krise war immer. Na und? Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare


Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.



Kommentar posten Kommentar posten

Ihr Name*:

Ihre E-Mailadresse*:
Bleibt geheim und wird nicht angezeigt

Ihr Kommentar:



Lüneburg Aktuell auf Facebook