Heidis Messe
von Carlo Eggeling am 17.07.2026Die junge Frau leidet ME/CFS. Sie bitte um Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Sie werde selber durch ihre Eltern gut unterstützt, aber viele andere der rund 250 000 Betroffenen in Deutschland nicht. Das alles wolle sie der "Heidi" mal sagen. Die freut das sehr, sie wisse um das Leid. Dann die Seniorin, die sich um ihren Mann und die Tochter kümmert, das "Kind" muss ins Altenheim, weil es es keine passende Pflegeeinrichtung für die 40-Jährige gebe. Heidi Reichinnek wirkt betroffen: "Krass, was du alles leistest." Das Ehrenamt, denn das sei es ja, werde zu wenig unterstützt. Applaus von mehr als 200 Anhängern in der Ritterakademie.
Die Parteiveranstaltung der Linken wirkt streckenweise wie ein Feldgottesdienst zu Zeiten Jesu, man meint Matthäus und das Neue Testament zu hören: "Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt!" Heidi verkündet die frohe Botschaft, die Welt sei ungerecht und kalt, doch die Hoffnung wächst, wenn wir den Reichen nehmen und den Armen geben.
Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt und ein bisschen mehr, rund 200 Anhänger kamen nicht mehr rein, erzählt ein Sicherheitsmann mit Unterarmen dick wie Baumstämme. Doch auch die sollen teilhaben: Als Heidi durch ist mit ihrem Blick auf die Welt, dürfen die Letzten die Ersten sein und Selfies mit ihr machen. Aber vorher muss sie aufs Klo, nach drei Flaschen Wasser und Limo. Da ist einem nichts Menschliches fremd.
Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag kann aufweisen, was vielen Linken fehlt: Sie stammt aus einem Arbeiterhaushalt, geboren in Sachsen-Anhalt lebt sie jetzt in Osnabrück. Die studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin, die in Kairo lebte, engagierte sich in der Jugendarbeit, sie weiß, wie es bei denen aussieht, die wenig haben und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.
Der Aufstieg zu Heidi-Superstar begann im Januar vergangenen Jahres. Friedrich Merz, damals Fraktionschef der CDU im Bundestag, brachte mit Hilfe von Stimmen der FDP und der AfD einen Antrag zur Migrationspolitik durchs Parlament. Im Reichstag und im Land wirkte sein Agieren mit der AfD wie ein Abriss der viel beschworenen Brandmauer. Wütend, scharf und fulminant hielt Reichinnek im Bundestag dagegen: "Allen politischen Differenzen zum Trotz hätte ich mir nie vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiert." Abermillionen Klicks in den sozialen Medien.
Als sie kurz nach dieser Rede vor eineinhalb Jahren in die Gasthaus-Brauerei Nolte an der Dahlenburger Landstraße kam, war ein volles Haus zu erwarten. Reichlich 200 drinnen, 150 vor der Tür. Damals wie heute saß Thorben Peters mit ihr auf der Bühne, Niedersachsens Linken-Vorsitzender und jetzt Lüneburger OB-Kandidat. Er ist überrascht, dass auch dieses Mal so viele gekommen sind. Das zeige, wie sehr Reichinnek die Menschen bewege und den Ton treffe: "Es ist ein überreifer Frust da. Die Bundesregierung hat die schlechtesten Umfragewerte."
Beim Frust ist die 38-Jährige nicht weit weg von denen, die sie bekämpft. Sie sagt es so: "Die AfD holt den ganzen Frust ab. Aber die haben nichts im Angebot." Der Saal ist sich einig, dass die vom Verfassungsschutz beobachtete Partei ein Hort für Faschisten ist. Die Bundestagsabgeordnete fordert zweierlei: ein Verbotsverfahren, weil der Partei nach einem Verbot Strukturen und Geld aus der Parteienfinanzierung fehlen werde.
Wichtig sei es überdies, Demokratieprojekte mit öffentlichen Mitteln zu fördern, um so Präventionsarbeit leisten zu können. Davon gibt es allerdings eine Menge, den Aufstieg der AfD und ihren Rückhalt auch bei jungen Leuten haben die Angebote augenscheinlich nicht stoppen können.
Die Politikerin mit den vielen Tattoos spricht vor einem weitgehend jüngeren Publikum, Anfang 30, und ein paar Alt-Genossen. Ihre Themen ranken sich um geplante Kürzungen der Bundesregierung im sozialen Bereich. Abstriche beim Elterngeld, das eigentlich ausgebaut werden müsse, bei Alleinerziehenden soll am Unterhaltsvorschuss gestrichen werden, Rotstift bei Krankenkassenleistungen, bei der Eingliederungshilfe und und und. Sie müsse sich in ihrer Wut bei Pressemitteilung "Beleidigungen ausdenken, die mich nicht in die Bredouille bringen". Applaus, Applaus, Applaus.
Sie holt kaum Luft, die Stimme galoppiert: Die Regierung gebe immer mehr Geld für Rüstung aus, beim Sozialen werde geknausert und gekappt. Gehe mal gar nicht. Ungesagt bleibt, dass sich die Bedrohung eines möglichen Angriffs Russlands nach dem Überfall auf die Ukraine verschärft haben dürfte und die USA ihr Engagement für Europa zurückdrehen. Dass über Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes gerade bei der Verteidigung gespart wurde, ist kein Wort wert. Putin gurrt nicht wie eine Friedenstaube. Es fehlt an Waffen, an Personal und Kasernen sind zum Teil baufällig.
Bleiben aus linker Sicht zwei Mittel: Schuldenbremse weg und den Reichen einen guten Teil ihres Reichtums wegnehmen, um ihn zu verteilen. Das brächte Milliarden. Aber löst es das Problem, dass beispielsweise deutsche Autos nicht mehr der Hit auf dem Weltmarkt sind? Dass Märkte wegbrechen, dass Konzerne und Mittelständler angesichts der Kosten Produktion ins Ausland verlagern?
Kein Thema. Wer fragt den Messias schon nach Details? Statt Hossiana-Rufen Applaus, Applaus, Applaus. Die geballte Unzufriedenheit wird bei der Linken ebenso einzahlen wie bei denen, die sie zurecht als gefährlich und undemokratisch bezeichnet. Heidis Wut brennt in vielen.
Die marxistischen Grundlagen, um das System zum Tanzen zu bringen, kommen bei Heidi mehr so um die Ecke. Den "kapitalistischen Bullshit" des Höher, Schneller, Weiter müsse man nicht leben, man möge nicht verzweifeln. Ja, sagt sie, der Kampf mache manchmal müde, man dürfe auch mal schwach sein.
Bei Karl Marx liest es sich der Abschied von der Entfremdung durch Arbeit so: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." In der neuen Gesellschaft arbeiten Menschen freiwillig, so wie sie können und wollen, und gleichzeitig dürfen sie alle Gütern so nutzen, wie es ihnen gefällt.
Die Messe ist gelesen, Selfies gemacht. Es geht weiter. Wut treibt an. Carlo Eggeling
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