Lüneburg, am Samstag den 01.08.2026

Höhlenmenschen

von Carlo Eggeling am 17.06.2026


Aufgespießt
Höhlenmenschen

Viele leben das Leben als öffentliche Angelegenheit, das bedeutet unglaubliche Offenheit. Denn es ist kaum zu glauben, was man alles selbst ohne Neugier erfährt -- durch die grassierende Selbstverständlichkeit mit zwei Knöpfen in den Ohren lauthals durch die Welt zu spazieren und mit irgendwem irgendwo zu reden. Auch dort, wo es um Leibesübungen geht. Des Morgens markierte einer der werdenden Muskel-Athleten erst eine Flachbank mit dem Handtuch nach der Pool-Devise: Meins, egal, ob ich etwas Gewichtiges bewege.
Nun, unser Mann bewegte sich wie ein Gockel, durch den Geräte-Parcours, vor die Spiegel. Bewundernde Blicke. Also von einem. Ihm selbst. Wie man in unseren Kreisen so sagt, eine Frage der Definition. Die Arbeit an Bizeps und Trizeps fiel knapp aus, das Telefonat um so üppiger: Finanzamt, Aufträge, Handwerker, wer mit wem kuschelt und wo und wie. Große Offenheit.
Es gibt ja die Theorie, dass uns beim Prozess der Menschwerdung die Höhle nicht abhanden gekommen ist. Wer telefoniert, glaubt sich allein. In Autos können Sie Zeitgenossen beobachten, die richtig nachbohren, in der Nase, im Ohr. Der Seelenklang: Ich bin mit mir allein und darf so sein.
Für meine Eisenbude wünsche ich mir die Telefonzelle zurück. Die Endlos-Handy-Quatscher müssen zum Einzel-Training in die schalldichte Box, gern mit Rundum-Spiegeln. Höhle eben. Sehr passend. Für alle anderen. carlo

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Petra Beck
am 18.06.2026 um 09:02:10 Uhr
Dankeschön für den Schmunzelbeitrag!!
Das ist wohl die nonverbale Art um gesehen zu werden. Denn so schreit man seit geraumer Zeit … „Ich will gesehen werden“
Wenn Augen nur auf dem Display verweilen und Ohren mit den trendigen Hörnchen zugestopft werden, dann funktioniert Wahrnehmung nicht mehr. Ich habe mir längst abgewöhnt, mitleidig zu erfassen, ob da jemand gerade Hilfe brauchen könnte. Dumm nur, dass ich oft nicht genau weiß, ob ich gerade angesprochen werde, ich gemeint bin. Erschwerend für meinen seelisches Wohlbefinden, ist der Inhalt, der mir laut und ungebeten um die Ohren fliegt. Hinzukommend die weit ausholenden Gestikulationen, die mich zwingen, in Deckung zu gehen. Ich werde oft glatt übersehen!


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