Kaltenmoorer Kapriolen
von Carlo Eggeling am 22.08.2026Meine Woche
Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich vergesse schon mal was. Ulrich Blanck wohl auch. Der Grüne Fraktionschef hat jetzt den Sozis im Rat ordendlich einen eingeschenkt. Idealistisch, wie die Sozialdemokratie als solche so ist, wolle die tatsächlich, dass die Stadt prüft, die rund 700 Vonovia-Wohnungen in Kaltenmoor zu erwerben, mit einem Partner. Blanck monierte die „Leidenschaft der SPD, die Häuser zu kaufen, als halbgare Geschichte in Zeiten des Wahlkampfes. Sinnvoller wäre es, einen städtebaulichen Vertrag mit den Investoren anzustreben, so können wir Standards festzurren. Gelingt uns das, brauchen wir kein Vorkaufsrecht.“ Er hatte ein paar Ausdrucke aus dem Archiv dabei, um zu belegen, wie lange die Roten sich bereits verzetteln.
So ein Archiv ist eine tolle Sache -- bei Vergesslichkeit. Blanck hatte vergessen, wie die Grünen vor drei Jahren auf die Welt schauten. Am 27. April 2023 gegen 18 Uhr informierte die Oberbürgermeisterin im Rat, sie führe Gespräche mit Vonovia, um die Kaltenmoorer Wohnungen zu übernehmen. Claudia Kalisch staatstragend. Es dauerte, bis alle verstanden, worum es ging. Eine Woche später sprang ihr der grüne Fraktionschef Blanck bei. Die Landeszeitung notierte: "Blanck warnte, es wäre 'falsch und fahrlässig (..) Gespräche mit Vonovia abzulehnen, oder - wie teilweise bereits geschehen - im Vorfeld kaputtzureden (...) Die Aufgabe des Rates ist, die Oberbürgermeisterin dabei zu unterstützen." Blanck ging davon aus, dass die Lage für die betroffenen Mieter „unter Führung oder Begleitung einer wie auch immer im Detail strukturierten, kommunalen Trägerschaft besser wäre".
In Richtung SPD, die damals auf Risiken aufmerksam machte und betonte, auch bei einer kommunalen Trägerschaft brauche man für einen möglichen Kauf starke Partner, rief er: „Lähmende Angst vor einem Risiko ist auch kein guter Ratgeber." Zugleich appellierte er: Das Thema „darf nicht für politische Auseinandersetzungen und Profilierungen genutzt werden".
Ich habe vorhin mit ihm gesprochen: Er habe seine Position nicht geändert, Fakten auf den Tisch, prüfen, letztlich die Investoren unter Druck setzen, wenn die dann nicht so wollen wie die Stadt -- Obacht -- "müssen wir das Vorkaufsrecht ausüben". Selbiges besitzt das Rathaus, da die Gebäude in einem Sanierungsgebiet liegen.
Ist selbstverständlich Interpretation, aber der stets die OBin verteidigende Fraktionschef klang für mich vor drei Jahren anders als heute. Wahrscheinlich hat Blanck wie auch Claudia Kalisch an das Kalische Motto des Wahlkampfs 2021 gedacht: "Echt. Damit sich was dreht." Die grüne Position in dieser Frage gefühlt um 180 Grad. Entschuldigung, das ist wieder Grünen-Bashing. Ich hätte es wirklich vergessen können. Sorry. Aber mir fällt noch was ein: Damals wurde von einer Kaufsumme von mehr als 100 Millionen Euro gesprochen, heute soll es um 55 Millionen geht. Selbstverständlich kommen noch Sanierungskosten obendrauf.
Ob die SPD mit ihren Plänen richtig liegt, sei dahingestellt. Der Einwand der Verwaltung ist nachvollziehbar, dass man Fakten eines Vertrages kennen muss, um zu entscheiden, ob man einsteigen will. Selbstverständlich kommen auf die Stadt Herausforderungen zu, wenn sie die maroden Hütten kauft und saniert. Aber wer glaubt im Ernst, dass ein Konzern die sechs Jahrzehnte alten bröckeligen und schimmeligen Blocks übernimmt, sie saniert und die Mieten nur minimal erhöht?
Parteiübergreifend schallte es im Kommunalparlament, ein Lüneburger Immobilien-Kaufmann sei Teil des Konsortiums. Der habe sicher ein Ohr für die Bedürfnisse der Stadt und der Mieter. Ich habe mal rumgefragt, keinem ist bekannt, dass der Mann bislang Sozialwohnungen als Geschäftsfeld betreibt. Aber es bleibt herzerwärmend, so auf das Gute im Menschen zu vertrauen.
Ich bin da anders, die soziale Verantwortung des Kapitalismus scheint mir überschaubar. Naheliegender bleibt, dass der Kaufmann schlicht macht, was ein Kaufmann macht: Geschäfte. Mir fällt Marius Müller Westernhagen ein: "Glaubst du an den lieben Gott oder an Guevara? Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar." Che Guevara war ein kubanischer Revolutionär, der in Bolivien im revolutionären Kampf starb.
Erstaunlich bleibt, dass die Oberbürgermeisterin offenbar von der Entwicklung überrascht wurde, obwohl seit Monaten aus der Branche und der Politik zu hören ist, dass Vonovia mit den Preisvorstellungen um die Hälfte runterging. Claudia Kalisch hatte mehrmals betont, sie sei mit dem Konzern im Austausch. Alles sei vertraulich. Nie käme man auf den Gedanken, dass Frau Kalisch nicht so transparent mit den Dingen umgeht, wie sie sich als Grande Dame der Stadtkonferenzen, der limitierten Bürgersprechminuten und des wollsockig-quasseligen Dialograums empfindet.
Nun hat die SPD nach dem Kommunalverfassungsgesetz einen Antrag auf umfassende Akteneinsicht gestellt. Mal sehen, welche Gespräche wie dokumentiert wurden. Die Grünen dürften wenig dagegen haben. Zum einen stehen sie für Transparenz, zum anderen haben sie Kalischs Vorgänger Mädge damals mit dem Auskunftsanspruch gerne gepiekst.
Die Kontrolleure können noch etwas prüfen. Claudia Kalisch hatte im Rat gesagt, die Stadt müsse beim Vorkaufsrecht in den Vertrag zwischen Konsortium und Vonovia 1:1 einsteigen. Das soll so nicht stimmen. Das Baugesetzbuch besage, in einem Sanierungsgebiet dürfe der Verkaufswert nur wenig über dem Verkehrswert liegen, da ansonsten eine Sanierung erschwert werde. Das hat die Stadt übrigens vor zehn Jahren durchexerziert, als es in Kaltenmoor um den Verkauf des Riegels an der Wilhelm-Leuschner-Straße an das Immobilienunternehmen Eckpfeiler ging. Ich sage nur Archiv.
Noch was hat sich gedreht. Vor Jahren standen grüne Politiker mit dem Tucholsky-Zitat aus dem Jahr 1931 am Marktplatz: "Soldaten sind Mörder." Aufmärsche der Armee gehörten nicht in die Stadt, sondern in die Kaserne. Hüftschwung. Die Oberbürgermeisterin läuft beim Gelöbnis mit zwischen zwei schmucken Herrn, bei denen man an die "langen Kerls" im alten Preußen denkt. Auf dem aus Steuergeld finanzierten angeblich dienstlichen Werbekanal ob_kalisch strahlt sie uns an und freut sich, eine Ehrennadel der Vaterlandsverteidiger verliehen zu bekommen. Ob sie als Kampfsportlerin jetzt mal bei einem Camp der Eliteeinheit KSK mitmacht? Von wegen Lüneburger Verbundenheit. Grün und olivgrüner Tarnfleck passt doch.
Das war Bashing. Ich weiß. Liegt an Westernhagen. Finger tanzen auf der Tastatur: "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz." Nachher ist Party mit Freunden. Gutes Wochenende. Carlo Eggeling
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