Lüneburg, am Dienstag den 06.10.2026

Koks, Schüsse und eine Frage der Ehre

von Carlo Eggeling am 06.10.2026



Zwei Tote an der Hamburger Lagerstraße, ein 13-Jähriger aus Holland, der als Killer angeheuert, aber rechtzeitig gefasst wurde, explodierende Handgranaten in der City, es knallt bei einem Rockerboss in Geesthacht, bei dem die Polizei später ein Schnellfeuergewehr fand, dazu Ende August Schüsse auf einen 23-Jährigen in Scharnebeck -- es rummst im Milieu an der Elbe. Und die Stadt an der Ilmenau ist ein Schauplatz. Der Lüneburger Murat C. soll in dem Konflikt eine Rolle spielen. Darüber berichtet die Bild.

Der Schwarze Murat soll angeblich als "Friedensrichter" bei Konflikten in Hamburg vermittelt haben. Das kann er nicht mehr, denn C. sitzt in Untersuchungshaft. Der Krimi war nur eine Randnotiz, dabei steckt eine Menge hinter der Pressemitteilung, die die Lüneburger Zentrale Kriminalinspektion am 26. August herausgab. In der Meldung steht kein Name, den haben Polizeikreise erst später bestätigt.
C. gilt als Hauptbeschuldigter in einem Verfahren gegen ein "international agierendes Netzwerk aus Lieferanten, Vermittlern und Abnehmern von Betäubungsmitteln". Die federführende Staatsanwaltschaft Stade geht von einem "versuchten Import von rund vier Tonnen Kokain von Südamerika nach Europa sowie dem Aufbau und die Organisation von zwei professionell betriebenen Cannabis-Indoorplantagen" aus. Zwei von den Anlagen hat die Polizei ausgehoben, eine davon in Artlenburg, heißt es aus Stade auf Nachfrage: "In den Plantagen in Hamburg und im Landkreis Lüneburg wurden mehr als 500 Kilo Cannabis mit einem Gesamtwert von mindestens zwei Millionen Euro produziert."

Im August hatte die Polizei "Wohnanschriften von Beschuldigten sowie vier Gewerbeobjekte in Hamburg und Lüneburg" durchsucht. Allerdings keine an der Bardowicker Straße, an der die Familie C.s Geschäfte betreibt. Man habe im Rahmen eines "Vermögensarrestes über 2,1 Millionen Euro, diverse Beweismittel und Vermögenswerte sichergestellt".

C. ist für die Polizei kein Unbekannter. Er saß wegen Drogendelikten ein, aufgrund gesundheitlicher Probleme soll er früher aus der Haft gekommen sein. Das ist aus Ermittlerkreisen zu hören. Offiziell halten sich die Strafverfolgungsbehörden zurück, Informationen fließen nur spärlich. Der Fall ist gefährlich und groß, er spielt in mindestens drei Bundesländern. Eine Sonderkommission namens Kosmos soll ermitteln. In Lüneburg ist die ZKI eingebunden, die sich mit schwerster Kriminalität befasst. Die Truppe arbeitet abgeschottet, doch selbst dort gilt der Fall als "geheim".

Bei der Auseinandersetzung in Hamburg sollen sich arabischstämmige Familien und die Hells Angels ins Gehege gekommen sein. Im Lüneburger Milieu ist zu hören, dass es wohl verschiedene Gründe für den Streit gibt. Manches soll lange zurückliegen. Innerhalb der arabischen und türkisch-kurdischen Familien ist man sich hier nicht immer zugetan. Alte Konflikte wie die Schießerei am Klinikum 2014 und 2011 an der Rotenhahnstraße seien angeblich nicht vergessen.

Allerdings hieß es schon vor geraumer Zeit von Ermittlern, dass die Bündnisse sich ändern. Eine Lehre aus dem Geschehen sei gewesen, dass man Lüneburg als Rückzugsort sehe, das Hauptbetätigungsfeld sei Hamburg. Doch natürlich sind Familien hier aktiv -- auch mit legalen Geschäften.

Ob der Schwarze Murat so bedeutend ist, wie die Bild schreibt, scheint eine Frage des Standorts zu sein. "Friedensrichter" sei er nicht gewesen, ist von Lüneburgern zu hören. Diese Rolle besäßen andere.

Um Frieden ging es auch nach einer Attacke auf den Hells Angel in Geesthacht. Damit sind wir bei dem Scharnebecker, von dem ein irritierendes Video mit einer Entschuldigung im Netz zu sehen ist. Der 23-Jährige soll den Rocker im Internet lächerlich gemacht und vor allem eine Regenbogenfahne auf dessen Grundstück gehisst haben. So ein "schwules" Stück Stoff ist einer Macho-Welt eine dicke Beleidigung.

Angeblich habe der Scharnebecker das im Auftrag einer anderen Familie für ein paar Hundert Euro erledigt. Seine eigenen Leute erkannten sofort, dass es keine kluge Aktion war. Sie sollen den Auftraggebern einen Besuch abgestattet haben, die sich entschuldigten. Darüber hinaus habe man mit der obersten Ebene der Hells Angels Kontakt aufgenommen, die Sache klargestellt und sich entschuldigt -- samt des Videos des 23-Jährigen. Die Angels kenne man seit Jahrzehnten und sei ihnen freundschaftlich verbunden.

Ob das alles so ist, ist schwer zu prüfen. Offenbar sollten die Schüsse in Scharnebeck auf Auto und Haus eine Warnung sein, der unbekannte Schütze hätte treffen können. Die Hoffnung: man ist raus aus dem Hamburger Zoff. Das wäre gut für das Lüneburger Land. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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