Mehr in die Umsetzung kommen — Wahlkampf mit Robert Habeck
von Carlo Eggeling am 31.08.2026
Wenn der Robert kommt, ist die Hütte voll. Gut, nicht mehr so voll wie im Januar 2025. Da war Bundestagswahlkampf, eigentlich war Robert Habeck "Kanzler der Herzen". Wurde er nicht. Verstopfte, vollgeparkte Straße. Im Kulturforum war weniger Platz als in einer Ölsardinenbüchse, draußen standen Hunderte, die nicht reinkamen. Doch der Grüne hatte ein Herz, er stand auf dem Gedrängegitter, Selfies. Sein Versprechen: "Nächstes Mal im Liebesgrund." Den kennt er, er hat vor gut zwei Jahrzehnten mit seiner Familie an Töbingstraße gelebt. Am Samstag wurde es wieder das Kulturforum, vor der Tür musste keiner bleiben. Rund 600 Fans jubelten drinnen.
Wahlkampfhilfe für die Grünen. Es wirkte mehr als Hilfe für Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch. Torsten Franz, der sich mit wenig Erfolgsaussicht als Landratskandiat zig Termine antut, durfte nicht auf der Bühne sitzen. Geplauder im Duett, nicht im Trio. Erst am Ende stand er grün-verlassen schmächtig kurz oben und zeigte sich tapfer: "Mich gibt's auch."
In Habecks Sonne ist gutes Sonnen. Ehemaliger Wirtschaftsminister und Vizekanzler, Visionär, selbst wenn er sich ein paarmal verstolperte etwa beim Thema Insolvenzen. Beim Heizungsgesetz, das im Nachgang Anerkennung findet. Auf Landes- und Bundesebene Minister, in zig Politrunden gestählt, inzwischen war er Dozent an mehreren Hochschulen in Dänemark, Nordamerika und Israel und arbeitet als Berater für ein dänisches Stadtentwicklungs-Investmentunternehmen. Glaubwürdigkeit schüttelt er sich aus dem Ärmel, er reiste mit dem Zug an. Er scheint zu leben, was er sagt.
Er weiß zu glänzen und glänzen zu lassen. Er lobte Claudia Kalisch mit diesem Habeckschen lächelnden Grinsen: "Man merkt krass, dass du Ahnung von der Materie hast." Toll, was sie an Bürgerbeteiligung alles mache. Habeck erledigt den Job, für den er angereist ist. Visionen für ein besseres Klima. In jeder Hinsicht. Claudia Kalisch gratuliert sich für ihre Stadtkonferenzen. Eine ging ums Thema Energie und Wärme, als in Folge des Ukraine-Krieges die Gasspeicher fielen. Alle hätten zusammengesessen. Das Ergebnis, das sie nennt: Die Feuerwehr fahre zu mit Strom betriebenen Tankstellen. Kein Strom, kein Diesel, kein Einsatz. Bei der Konferenz kam heraus: Bei der Bundeswehr kann man quasi per Hand tanken. Dafür eine Konferenz?
Bürgerräte. Zwei gab es. Einen zum Glockenhaus, das Begegnungsort werden sollte. Man wusste vorher, es ist schadstoffverseucht. Es kostet Millionen, den mittelalterlichen Bau zu sanieren. Passiert ist zwei Jahre lang nichts. Der Schrangenplatz soll ein anderes Gesicht als konsumfreier Ort erhalten. Passiert ist nichts, weil das Geld fehlt. Außerdem ist das Leben schon jetzt dort zu Hause, konsumfrei kann man auf Bänke sitzen.
Fahrradstadt. Der Fahrradstraßenring sollte Ende 2024 fertig sein. Er wurde von der Ratsmehrheit gestoppt, wie er umgesetzt wird, ist fraglich. Ein Herzensanliegen der Grünen und ihrer Verbände. Herzrhythmusstörungen.
Die Stadt sei wirtschaftsnah. Vor Kalisch hatten Unternehmer unter anderem im Oberbürgermeister einen Ansprechpartner. Sie sei offen für Firmen. Die Kritik der Gewerkschaften hallt bis heute: Sie zeigte sich mit dem Management des Gabelstapler-Herstellers Jungheinrich, der seine Produktion schließt. Sie habe 140 Jobs gerettet. Mit dem Betriebsrat gab es keine klärenden Gespräche, die Arbeitnehmer sagen: Ihnen lag das Konzept des Konzerns vor, eben die genannten 140 Stellen sollten für die Konstruktion eh erhalten bleiben. Nichts habe Kalisch erreicht, sie sei ihnen in den Rücken gefallen.
Ein Wirtschaftslotse als Ansprechpartner. Der Mann saß vorher für die CDU im Rat und nörgelte viel an Claudia Kalisch und der Verwaltung herum. Mit Ratsbeschluss stellte sie ihn ein. Politisch klug, wer im Rathaus sitzt, wirft nicht mehr mit Steinen. Auf ein Mandat im Rat kann man verzichten, wenn sich der Wirkungskreis gefühlt verbessert.
Lüneburg verzeichne mehr Besucher und Übernachtungen als vor Corona. Der Einzelhandel beklagt, wie andernorts, weniger Umsatz. In der Gastronomie sagt man: Ja, wir haben zu tun, doch die Leute ließen weniger Geld da.
Sie lobt sich für ihre Öffentlichkeitsarbeit: Viele wüssten nicht, was eine OBin und ihre Dezernenten machten. Die habe sie auf dem Markt "an einen Tisch gestellt" und später noch einmal am Thorner Markt. Zweimal in fünf Jahren. Dazu gebe es Bürgersprechstunden, für die man sich anmelden muss. Zum Vergleich: Beispielsweise in Lübeck geht der Bürgermeister mit seiner Verwaltungsspitze in nahezu jedem Monat in einen der Stadtteile, jeder kann kommen, Fragen stellen, Anregungen geben. Ohne Anmeldung.
Vieles habe nicht geklappt, weil der Rat nicht so wollte, wie die Grünen. Ungesagt blieb dabei, dass die Grünen und die Oberbürgermeisterin mit ihren Stimmen bereits im Verwaltungsausschuss, dem kleinen Rat, vieles in ihrem Sinne regeln konnten. Andere Parteien beklagten mangelnde Transparenz.
Da sich Claudia Kalisch bei den Punkten, die nicht liefen, mit schwierigen Verhältnissen im Rat entschuldigt, wie soll es in Zukunft aussehen? Wenn sie es in den vergangenen fünf Jahren oftmals nicht schaffte, parteiübergreifend Mehrheiten zu organisieren, wie will sie es in den nächsten acht Jahren angehen? Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Grünen Lüneburg mit einer absoluten Mehrheit erobern, zudem kann es gut sein, dass AfD und Linke wesentlich stärker vertreten sind als heute.
Also was geht mit CDU, SPD, FDP und anderen? Wieder Blockade, wieder Ziele nicht erreicht? Eine Vision war nicht zu hören.
All das weiß Robert Habeck vermutlich nicht. Aber er weiß, dass Claudia Kalisch stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Städtetages ist. Dort sitzen neben der Grünen je ein Vertreter von SPD und CDU: Das Wort des Städtetages habe Gewicht, sagte Habeck, sie ergänzte: Sie habe Einfluss, Themen "eine Etage höher zu bringen, ins Bundeskanzleramt". Ob es da Bewegung gibt? Seit Jahrzehnten klagen Städte und Gemeinden, Bund und Land bürdeten den Kommunen viel auf, hielt sich beim Geld aber zurück. Da hat sich aktuell nichts geändert.
Es werde viel gejammert, findet die Oberbürgermeisterin. Erst über Schlaglöcher in den Straßen, schließlich über die Baustelle. Da ist etwas dran. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Wirtschaft, Lokalpolitiker und Bürger kritisieren, dass Bauarbeiten nicht gut koordiniert seien. Die Stadt sucht gerade jemanden, der diesen Job übernehmen soll.
Claudia Kalisch ist mit sich zufrieden. Interessant ist allerdings der Satz gegen Ende: "Jetzt geht es wirklich noch mehr darum, noch mehr in die Umsetzung zu kommen." Was wurde denn binnen fünf Jahren umgesetzt, ist natürlich keine Frage für Habeck, der wieder sein Habecksches Grinselächeln aufsetzte. Beide spendeten sich Applaus. Das Publikum klatschte fröhlich.
Heimspiel für den weisen Robert Habeck und die bemühte Oberbürgermeisterin. Hinterher war noch Zeit für Selfies. Mit Robert. Dann musste er zur Bahn. Er ist auf jeden Fall am Zug. Für Claudia Kalisch zeigt es sich am 13. September. Carlo Eggeling
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