Lüneburg, am Sonntag den 06.09.2026

Nichts Genaues weiß man nicht

von Carlo Eggeling am 05.09.2026


Meine Woche

Drei Fragezeichen der Tastatur



Ich habe eine ganz schlimme Geschichte über Karin S. gehört. Finstere Sachen. Wenn Sie wüssten. Ich sage nicht, von wem und auch nicht, worum es genau geht, nur: Kinder. Ich habe der Person gesagt, sie möge im Zweifel zur Polizei gehen. Betonen möchte ich, ich weiß nicht, ob es stimmt. Doch ich halte es für meine Pflicht, transparent zu sein. Sie wissen, ich bin auch da unterwegs, wo andere eher schweigen.


Schräg? Da haben Sie recht. Ich wollte mal so agieren wie neulich Karin S. und ihr lautsprecherischer Kanal für Halb- und Dreiviertel-Nazis. Nichts Genaues weiß man nicht, aber sie machen’s zum Thema. Der Name des Forums erinnert an eine Zeitung, regelmäßiges Erscheinen und angeblich News. Nach eigener Wahrnehmung will man kein Medium sein, sondern fühlt sich ehrenamtlich einer eigenen Wahrheit verpflichtet. Jetzt möchte der Resonanzboden für Unerhörtes und Ungehöriges Werbung verkaufen: Man erreiche ein großes Publikum. Diese Ansage spricht presserechtlich für einen Verlag.


Die nach eigenem Bekunden drei Verantwortlichen geben ihre Namen nicht preis. Presserecht schreibt ein Impressum vor. Da ist nachzulesen, wer hinter einem Medium steht. Namen bedeuten, man ist haftbar für Veröffentlichungen. Das Trio Nebulös bespaßt Lüneburg und Umgebung mit einem Leih-Impressum, kostet die mitteilsamen Drei ihren Angaben zufolge keine zehn Euro im Monat. Ob das haltbar ist, wäre zu prüfen.


Gesichtslos zu bleiben bedeutet, dem Leser gegenüber wenig Respekt zu besitzen, der muss wissen, mit wem er es zutun hat. Völlig gaga, wenn so ein Luftikus der Schattenwelt dann in aller Öffentlichkeit Anfragen rauspustet, und sich empört, wenn das eigene Haus Wolkenkuckucksheim nicht wahrgenommen wird und von mangelndem Respekt fabuliert. Den bringt man als Anonymus selbst niemandem entgegen.


Ich hatte einen Rechtsstreit mit diesem Kanal, weil er etwas behauptet hat, was er nicht belegen konnte, weil es der Fantasie entsprang. Daher hatte ich Anzeige erstattet. Die Justiz erließ einen Strafbefehl gegen die Betreiberin der Seite: Karin S., das ist kein Spaß, sondern Fakt. Hat übrigens nichts mit der Geschichte zu tun, von der ich gehört habe, von der ich nicht weiß und so weiter.

Sie merken den Unterschied?


Die Landeszeitung hat sich in dieser Woche über eine Seite mit der anderen Seite beschäftigt. Die AfD-Nähe war Thema, der SPD-Ratsherr Jörg Kohlstedt, der gern auf diese Nähe hinweist und von dem Forum dafür hart angegangen wird. Der liebevolle Blick auf Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch beschäftigte die Redaktion. Mir hat die Oberbürgermeisterin am 9. Juli geschrieben, sie lese den betreffenden Blog nicht. Sie distanziere sich von rechtsextremem Gedankengut. Klingt nach, kenne ich nicht wirklich.


In der LZ hingegen ortet die wandlungsbereite OB heute „eine Art Buschfunk ohne einordnende Pressefunktion". Es „missfällt mir, dass dieser Kanal der AfD eine Plattform bietet". Dass der Buschfunk für die OB trommelt, „kostenlose Wahlwerbung" betreibt, nimmt Claudia Kalisch hin. Wie auch ihre grüne Partei, die unter Claudia-Spots gerne Daumen und positive Kommentare setzt. Wie man das zusammenbekommt, ist gelinde gesagt erstaunlich.


Die OB kenne die Betreiberin des Forums, schreibt sie der LZ, offensichtlich hat sie ihr nie gesagt: „Ich will mit Ihnen nichts zu tun tun haben. Lassen Sie es sein, mir Werbung zu schenken." CDU-Landratskandidat Steffen Gärtner hat es vorgemacht: Er verweigerte AfD-Landratskandidat Stephan Bothe in Reppenstedt den Handschlag — seine Freunde kann man sich aussuchen. Wie sehen Sie das, Frau Kalisch und grüne Partei?


Die AfD bezeichnet den Kanal in mehreren Beiträgen als einzig ernstzunehmenden, weil angeblich ein neutrales Medium. Es liest sich wie eine Art „Das ist unsere Bühne". Kevin Ballay, Funktionär aus Dahlenburg, liefert Videos, seine Beiträge bei TikTok werden ohne Einordnung übernommen, obwohl am Wahrheitsgehalt des Ballayschen Weltbilds faktisch mehr als Zweifel bestehen.


Ich habe Land- und Bundestagsabgeordnete sowie Lokalpolitiker der großen Parteien angesprochen, es läge nahe, sich an die Landesmedienanstalt und das Landesamt für Verbraucherschutz zu wenden, um zu prüfen, ob der großsprecherische Kanal für erklärungsbedürftige Demokraten ganz rechts Recht entspricht. Pressegesetz. Haben sie bislang nicht angeschoben. Warum nicht? Aus Sorge, verunglimpft zu werden? Übertönen Lautsprecher das Orchester der Demokraten und lassen Trommeln, Geigen und Trompeten der klaren Haltung verstummen? Wo bleibt die parteiübergreifende Initiative von SPD, CDU, FDP, Grünen, Linken für den Test?


Der Vorteil liegt auf der Hand. Entweder ist alles in bester Ordnung oder aber der Kanal, der sich rebellisch wie eine Schülerzeitung der Anti-Antifa gibt, fällt unters Pressegesetz. Dann stehen dort künftig Namen der Verantwortlichen mit allen Konsequenzen. Man ist rechtlich haftbar für das, was man veröffentlicht, man haftet für Kommentare unter Beiträgen, man wird ernst genommen als Medium.


Und man erlebt, wie es ist, wenn man für das, was man schreibt, bedroht wird: Fresse zu Brei schlagen, wir wissen, wo du wohnst, Gerüchte in die Welt setzen. Wer mutig ist und so für die Demokratie eintritt wie die Drei Fragezeichen der Tastatur, müsste den Weg begrüßen. Oder?


Ach so, ich habe gerade noch eine Geschichte von Karin S. gehört. Ich weiß nicht, ob sie stimmt, aber . . .


Gutes Wochenende. Carlo Eggeling


© Fotos: ca


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