Nie und nimmer Wahlkampf
von Carlo Eggeling am 06.06.2026
Meine Woche
Scheinwelt Lüneburg
Poller, und schon ist Lüneburg sichere Party-Meile. Petrus ist feucht und wenig fröhlich dran vorbeigekommen. So kann's gehen Ein Schirm wäre sinnvoller gewesen, den hat die städtische Marketinggesellschaft an anderer Stelle aufgespannt. Chefin Gitte Lansmann schickte ein Schreiben heraus, das Stadtfest dürfe auf keinen Fall zur Wahlkampfbühne mutieren. Da muss man erst einmal drauf kommen. Aufsichtsratsvorsitzende ist die grüne Oberbürgermeisterin. Ihre Verlautbarungsabteilung, die nach eigenem Bekunden nie PR für Frau Kalisch macht, hat zig OB-Fotos als Pressemitteilung herausgeschickt. Eher am Rande erfährt man visuell, das Stadtfest wurde eröffnet.
Wahlkampf? Never ever. Das gilt selbstredend für Heiko Meyer; als Vorsitzender der Handelsvereinigung LCM ist er schlicht deshalb mit Selfies vertreten, weil er als parteiloser OB-Kandidat Wirtschaftsinteressen vertritt.
Patrick Pietruck, umtriebiger Chef der Firma web-Netz verschwendet nicht den Hauch einer Idee daran, in den Beachclub hinterm Rathaus einzuladen, um nebenbei schön Wetter bei jungen Wählern zu machen, weil er für die CDU vom Marienplatz-DJ-Spektakel auf den OB-Stuhl auf der anderen Straßenseite wechseln möchte.
Was könnten die anderen Kandidaten wahlkampfmäßig veranstalten? Michèl Pauly liest seine schönsten Reden aus vergangenen Stadtratszeiten jetzt für Volt vor? Oliver Wozinok, der aus gesundheitlichen Gründen pausieren muss, kommt im Flügelhemd und trägt gemeinsam mit Thorben Peters von der Linken aus dem Gothaer Programm von 1875 vor, dem Zusammenschluss unterschiedlicher Lager der Arbeiterbewegung? Der Liberale Frank Soldan, bohrt quasi als Feld-Zahnarzt nicht nur politisch, sondern praktisch bei Mitbewerbern im Wurzelkanal nach?
Heiter weiter. Im Mobilitätsausschuss soll Dezernent Markus Moßmann traurig und trotzig geworden sein, habe ich von mehreren Seiten gehört. Ich konnte nicht teilnehmen. Verwaltung und grüne Ausschussvorsitzende packten zum dritten Mal den Fahrradring ins Körbchen der Tagesordnung. Bei ihrem Ansatz Freie Fahrt für freie Radler mit großen Umbauten am Markt, Neuer Sülze und Lambertiplatz sprang erwartungsgemäß erneut die Kette ab. Aufgeschlagene Knie.
Selbstverständlich haben garstigerweise SPD, CDU, FDP und auch die AfD -- auf die es stimmenmäßig nicht ankommt -- der angeblich alternativlosen Verkehrswende einen Stock in die Speichen gesteckt. Die wollen beim Geldausgeben und der Umsetzung mitreden. Der Dezernent hat ganz doll geschimpft, eigentlich brauche es den Ausschuss nicht, man könne alles im kleinen Rat, dem Verwaltungsausschuss, beschließen. Wen kümmert schon die Demokratie, wenn es um die reine Lehre -- oder war's Leere -- geht?
Im VA können die Grünen samt Oberbürgermeisterin die Muskeln spielen lassen. Man könnte allerdings meinen, die entsprechenden Beschlüsse müssten im Haushalt mit Geld hinterlegt werden. Über den Haushalt beschließt eben der Rat -- dann fällt das Anliegen dort durch. Überraschung: alles vertagt.
Eine Kleinigkeit am Rande, wo war eigentlich die Oberbürgermeisterin, warum hat sie nicht den Verwaltungsstuhl besetzt, um deutlich zu machen, wie wichtig das Anliegen als eines ihrer zentralen Themen ist? Gerade weil sie des öfteren fast mit Tränen in der Stimme barmt, dass es nicht vorangehe, weil die anderen so bockig sind. Wahlkampf: An ihr darf der Misserfolg nicht kleben.
Was ist mit dem Taktiker Ulrich Blanck als grünem Fraktionsvorsitzenden los, dass er nicht hinter verschlossenen Türen mit anderen Parteien eine Lösung sucht? Fehlt es Blanck in seiner Fraktion an Durchsetzungskraft? Haben andere wie die stets Recht habende Frau Dartenne mehr Einfluss? Ihr wird nachgesagt, dass sie gern Blancks Job hätte, was sie in der Fraktion aber dementiert haben soll. Ach was. Für wie naiv hält sie den Polit-Profi?
Absteigen und schieben. Die üblichen 50 bis 57 Verdächtigen, die sich in grünen Kaderorganisationen rund ums Rad und Nachhaltigkeit tummeln, werden ordentlich klingeln, um eine Masse vorzutäuschen, die sie nicht besitzen: SPDCDUFDP als Umwelt-Verächter und rückwärtsgewandt. Schuld haben immer die anderen, nicht die eigene Unfähigkeit, zu begeistern. Das Prinzip galt bereits im vergangenen Wahlkampf. Nach fünf Jahren grüner Verantwortung wirkt das argumentativ nach Plattfuß.
Damit sind wir bei zwei weiteren obskuren Themen. Während Frühjahrsmarkt und Oktoberfest soll der Himmel nicht mehr knallig leuchten, Feuerwerk könnte der heimischen Tierwelt den Garaus machen, Funkenregen irgendwen verletzen, meinen Aktivisten unter anderem des BUND. Wieder so eine angebliche Massenbewegung. Tausend Unterschriften haben sie gesammelt -- bei knapp 80 000 Einwohnern nicht mal im Prozentbereich.
Bislang waren stets die Fledermäuse vom krachenden Tod bedroht. Nö, stellt sich heraus. Eine Stellungnahme der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises lag der Vorlage für den Umweltausschuss bei: "Die Wirkung auf Fledermäuse eines ein- bis zweimalig im Jahr durchgeführten Feuerwerkes wird als begrenzt bewertet. Hingegen könne „nicht ausgeschlossen werden", dass eine erhebliche Störwirkung auf Vögel – auch bei relativ kurzen Feuerwerken – zu erwarten ist. Dies könne sich besonders in der Brut- und Setzzeit (01.04. bis 15.07.) negativ auf den Fortpflanzungsbestand der geschützten Arten auswirken."
Nicht ausgeschlossen werden, könnte. Im Ernst? Was für eine wissenschaftlich fundierte Grundlage. Wie wäre es, die Feuerwerker schießen ihre acht Minuten währende Himmelsmalerei über der Skateranlage ab. Da kann nix kaputt gehen. Die Skater machen ein bisschen Pause. Um 21.45 Uhr ist eh später Abend, da gehören Jugendliche ins Kinderzimmer. Nächsten Tag ist Schule.
Obskure Nummer 2 ist die Tauben-Füttererin vor Gericht. Die muss 300 Euro Bußgeld zahlen, weil sie die Tiere mit Körnern versorgt hat. Der ursprüngliche Ansatz war: Füttern, anlocken, im Taubenschlag die Eier des Federviehs klauen, gegen Attrappen austauschen, um so die Zahl der massenhaft Dreck produzierenden Überbevölkerung zu reduzieren. Die Stadt hat erst keine und dann zu wenig Schläge hingestellt, gefüttert wurde trotzdem. Inzwischen hat sich das Taubenaufkommen vervielfacht. Die angeblich herausragende Idee bescherte zumindest Lüneburg reichlichen Murks.
Nun gurren Tierschützer verschreckt, Tauben würden verhungern ohne Füttern. Ich würde sagen, die Natur regelt hier natürlich final. Damit käme man dem Ziel weniger Tauben nahe. Diese Fraktion der Flattermänner könnte von einer Scheinwelt in die nächste abtauchen. Ein KI-Programm mit virtuellem Taubenfüttern und Geburtenregulierung am PC. Tut niemandem weh, und Parallelwelten haben was. Weniger Enttäuschungen vor allem.
Damit kommen wir zurück zum Anfang. Für die web-Netz-Party gab es ein Video im Internet. Ein Werbeplakat wurde an den Alten Kran genagelt, ein Baudenkmal. Der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt schickte eine Protestnote an Patrick Pietruck. Frevel!!! Oder Parallelwelt. Das Filmchen war KI-erstellt. Kein Nagel im Kran. Fake News. Freispruch. Ob man alles glauben sollte, was einem so erzählt wird?
Steht Ihnen selbstverständlich bei diesem Text frei. Der ist allerdings recherchiert. Ohne KI. Gutes Wochenende, Carlo Eggeling
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