Lüneburg, am Samstag den 24.10.2026

Pinkeln. Politisch

von Carlo Eggeling am 24.10.2026


Meine Woche
Die Blase drückt

Ich lerne stets dazu, selbst beim Pinkeln. Als wir neulich im Kino waren, musste ich mal. Es gab zwei Türen, an der einen stand, dass man an so und so vielen Orten sein Geschäft im Stehen beziehungsweise im Sitzen erledigen könne. Offen für alle. An der zweiten Tür las ich Flinta. Das meint, einfach gesagt, alle außer diejenigen, die sich nur als Männer begreifen, als sogenannter Cis-Mann. cis stammt aus dem Lateinischen und meint diesseits -- man(n) kommt als Mann zur Welt und will das auch bleiben.

Ich bin also auf die Toilette gegangen, die, warum auch immer, alle benutzen können. Im Stehen. Eine Frau kommt rein und findet es zischelnd doof, dass sie an einem Mann vorbei muss, um hinter sich die Kabinentür schließen zu können. Davon ab, dass es ungewohnt ist, den Prozess der Entleerung geschlechterübergreifend zu erledigen: Wo sollen Männer hin?

Ich kann sagen, diese Frage ist -- nicht nur gesellschaftspolitisch -- in bestimmten Momenten drückend. Ich bin mir sicher, der neue oder gewandelte Feminismus liefert Antworten. Ganz bestimmt. Auf alten Feminismus blicken die Nachfolgerinnen skeptisch. Alice Schwarzer stellt nach 50 Jahren Emma ein. Das Magazin, trotzig benannt nach Emmanzen, passe nicht mehr. Endlich! meinte die taz und bekam von Gleichgesinnten viel Applaus. Schwarzer habe verstaubte Ansichten zu Trans-Personen. Queerfeindlich. Ihre Zweifel, ob muslimische Männer Frauen grundsätzlich als gleichberechtigt betrachten, sie geißelt Vollverschleierung. Rassismus. Mag sein, aber warum sollten diese Zweifel nicht zur Diskussion gestellt werden? Mir fällt noch ein, dass Schwarzer irrlichternd mit Sahra Wagenknecht Putin als Friedensfreund ins Spiel brachte. Ich würde sagen, der Überfall mit Bomben und Drohnen spricht gegen Mahatma Gandhi Putin.

Wie anstrengend sie ist -- auch für andere Frauen --, zeigt schon ihr Schlusspfiff: "Wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!" Wir sind nicht die Redaktion von Emma, sondern Alice Schwarzer. Königlich, wohl despotisch, selbstverliebt.

Aber wie gut, dass Alice Schwarzer all das aufgegriffen hat. Streitbar, egozentrisch, laut. Deshalb diskutiert das Land darüber. Sie nervte ein halbes Jahrhundert mit ihrem Feminismus, und sie öffnete die Augen für Themen, die Männer nicht im Blick geschweige denn verstanden hatten. Abtreibung, mein Körper gehört mir -- ohne sie und viele Frauen, die das ebenso vertraten, würden wir anders leben. Es wurden Selbstverständlichkeiten. Hoffentlich bleibt das selbstverständlich in diesem sich verändernden Staat. So ist das mit Unbequemen. Danke, dass es sie gibt.

Ein bisschen lokale Politik. Die Zahl der Wahleinsprüche in der Stadt steigt, eine Woche ist noch Zeit dafür. Ich höre von einigen, die das Verfahren der Briefwahl infrage stellen und die Pressearbeit des Rathauses als Werbeabteilung der Oberbürgermeisterin empfinden, Sachlichkeit und Neutralität habe bei Claudia Kalisch eine andere Bedeutung bekommen. Erste Kritiker haben Schreiben aus dem Rathaus bekommen, denn die Prüfung der Einsprüche erfolgt öffentlich. Tja, erste Etappe. Die zweite geht vor die Verwaltungsgerichte. Läuft. Mal sehen, ob wir nicht in ein bis zwei Jahren erneut abstimmen -- es gibt Vorbilder.

Wenn im November Kreistag, Stadt- und Gemeinderäte tagen, müssen die diskutieren, wie sie mit AfD und Linken umgehen. Zahlenmäßig gewachsen, dürften die Parteien den Vorsitz in Ausschüssen übernehmen wollen. Wollen das die anderen, wollen sie es verhindern? Können sie das? Wie agieren AfD und Linke?

Gibt bestimmt Krach. Auch wenn sich alle mehr lieb haben wollen, gerade im Stadtrat. Es gehe um Lüneburg, höre ich, da sollten Befindlichkeiten hintenan stehen. Klappt gut. Die SPD möge verhindern, dass der Alt-OB in den Rat zurückkehrt, er sei so anstrengend. Ulrich Mädge käme in den Rat, wenn Co-Fraktionschefin Andrea Schröder-Ehlers auf ihr Mandat verzichten würde. Dass es so eine Absprache gegeben haben soll, hält sich hartnäckig.

Auch für die Grünen gibt es Wünsche. Noch-Fraktionschef Ulrich Blanck solle seine Sozi-Verbissenheit zähmen. Für Frau Dartenne ("mit stummen e") gelte dasselbe. Stets Angriff zu fahren, sei ebenfalls anstrengend. Eine Idee: Sie könnte Ratsvorsitzende werden, dann leitet sie, aber attackiert weniger.

In der CDU übernimmt Heiko Eggers den Fraktionsvorsitz, er ist das erste Mal im Rat. Der Mann, der mit vielen kann, hat einen fordernden Job. Bleibt er Vorsitzender des Stadtverbands? Chance, jemand Neues aufzubauen.

Mittwoch freuen wir uns auf die Versammlung des Handelsverbands LCM. An dessen Spitze steht der unterlegene OB-Kandidat Heiko Meyer. Auf der Tagesordnung ist kein Platz für Grußworte. Kleine Revanche? Keine Bühne. Mal sehen, ob Claudia Kalisch auftaucht. Kuschelig wird's erst später, denn zunächst solidarisieren sich Geschäftsleute mit den Wirten: Die hatten gerade wenig kuschelig angemahnt, die Verwaltung möge statt wortreicher Arbeitskreise ohne wirkliche Ergebnisse endlich ins Handeln kommen, um die Verelendung der Innenstadt zu stoppen und etwas dagegen zu tun.

Wahlkampf mag vorläufig zu Ende sein, Aufreger bleiben. Da denke ich als alter weißer Mann mit Feminismuserfahrung und offenen Fragen an jede Blase an Heinz Schenk im Blauen Bock: Fröhlich eingeschenkt. So und so. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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