Lüneburg, am Sonntag den 28.06.2026

Politik und Fürsorge — die Samba-Affäre

von Carlo Eggeling am 28.06.2026


Meine Woche

Samba-Party


Mancher hat das Gefühl, Politik bedeute: Die da oben machen, was sie wollen. Das sei nicht so, hört man oft. Na ja. Bislang plätscherte der Wahlkampf in Stadt und Kreis so dahin. Jetzt kommen Wellen auf. CDU-Landratskandidat Steffen Gärtner muss aufpassen, das ihn die Bardowicker Samba-Affäre nicht in Untiefen zieht, im Lüneburger See muss die grüne Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch gegen eine ernstzunehmende Kandidatin rudern.


Der Reihe nach. Bardowick möchte neben dem Reich einer Wurzelkönigin auch brasilianische Leichtigkeit versprühen. Samtgemeinde Bardowick -- da liegt Samba nahe. Bei einem besonderen Tanz scheint Rathauschef Heiner Luhmann die Hüften kreisen zu lassen. Die Choreografie hat Ratsherr Achim Gründel in einem internen Bericht für seine Gruppe aus SPD, Wählergemeinschaft und Volt notiert, der inzwischen kursiert und Thema im Rat war.


Locker wie man sich Lockerheit a là Rio vorstellen mag, reiht sich da einiges aneinander. Luhmann stellt seinen Bekannten Marco R. für die kommunale SambaBau ein. Zehn Stunden die Woche, ein Dienstwagen, Nebentätigkeiten erlaubt, R. Betreut eigentlich eine Baugesellschaft. So ein Job kann auch den Eintritt in die Sozialversicherung bedeuten.


R. hat in Wittorf ein Haus zu verkaufen, das keinen reißenden Absatz findet und eine Million kosten soll. Luhmann findet, die Samtgemeinde könnte es gebrauchen. Eine Einzelmeinung, der Aufsichtsrat lehnt ab. CDU-Mann Luhmann kann Mehrheiten im Samtgemeindeausschuss finden, ein Notar soll eingeschaltet worden sein. Doch der Rat muss zustimmen. Da wird aus der knackig geglaubten Sicherheit einer frischen Möhre Wurzelsalat. Die Politik macht nicht mit.


Nix mit Samba-Tanz. Es braucht Fürsorge. R. ist ein bisschen klamm, kann vorkommen, und benötigt 150 000 Euro. Luhmann sorgt für ein Mitarbeiterdarlehn. Da das Geld gar nicht da ist, soll die Samtgemeinde Gellersen helfen. Mit der betreiben die Samba-Verantwortlichen eine gemeinsame Breitbandgesellschaft. Das kommunale Unternehmen räumt einen Kreditrahmen von mehr als einer Million Euro ein.


Den Vertrag unterzeichnet auch Steffen Gärtner: Es sei übliche Praxis, dass sich Gemeinden untereinander aushelfen. Das klingt bodenständig wie der Wurzelanbau, von der Samba-Leichtigkeit hält Gärtner nichts: "Für mich kommt so ein Geschäftsgebaren nicht infrage. Von einem Vertrag zwischen SambaBau und einer Privatperson wusste ich nichts." Dem hätte er auch nicht zugestimmt.


Inzwischen ist das Geld samt Zinsen zurück. Das freut alle. Das mediale Echo allerdings nicht, die LZ war im Rat und hatte berichtet. Die Presse sei seiner Meinung nach quasi einbestellt worden, schreibt Luhmann in einer Mail einen Tag nach der Ratssitzung an Mitarbeiter. Dort heißt es, dass Gründel "leider nicht nur korrekte Daten" vorgetragen habe, der Sozi habe "suggerieren" wollen, "dass ein schweres Vergehen der Geschäftsleitung vorliegt". Eben das bestreitet Luhmann in der Mail, die LA vorliegt. Er warnt seine Mitarbeiter vor einer "entsprechend eingefärbten Berichterstattung".


Die Samba-Affäre bringt Hüftschwung in den Wahlkampf. Die Themen liegen auf der Hand. Was wusste Gärtner? Wissen Geschäftsführer eigentlich, was in den kommunalen Gesellschaften passiert, gibt es eventuell weitere Unregelmäßigkeiten? Wie agiert der Landkreis in diesem Fall? Damit sind wir am Anfang. Machen die da oben was sie wollen? Kann man so im Lokalen Politikverdrossenheit erklären?


Kommen wir zu einem anderen beschwingtem Thema. Das bedeutendste Politikjournal in Niedersachsen, der Rundblick, besuchte Lüneburg, um über den Wahlkampf zu berichten.


Lüneburg und Oberbürgermeisterin kommen bestens weg, Claudia Kalisch hat der Reporterin an einem Samstag so gar einen Kaffee gekocht, hat viele Erfolge genannt und aufgezählt, was sie alles anschiebt. Einiges davon wie Wohnraum über Geschäften zu schaffen, war schon vor fünf Jahren ihr Thema. Nun aber.


Das Persönliche ist interessant. Frau OB ist Kampfsportlerin, daher könne sie vieles einstecken und unbeeindruckt weitermachen. Wer Ratssitzungen verfolgt, könnte zu anderen Schlüssen kommen, da wirkt sie des Öfteren angefasst. Ach ja, Bürgersprechstunden könne es aus Sicherheitsgründen nur mit Anmeldung geben. Kampfsportlerin? Nach der Kalischen Logik dürfte es keine Anwohnerversammlungen mehr geben, zudem fragt man sich, wie Frau Kalisch es schafft, auf jedem Fest in der Menge zu stehen, um sich fotografieren zu lassen. Muss sich jeder anmelden?


Dem Artikel gelingt allerdings –- und das ist bedenkenswert -- ein anderer Blick auf Lüneburg und die OB. Als Resümee bleibt unter anderem: In den fünf Jahren an der Spitze hat Frau Kalisch es erreicht, sehr souverän, gewinnend und ansteckend optimistisch aufzutreten. Respekt.


Wie schön, dass nun eine zweite Frau in der Stadt antritt, eine die Verwaltung beherrscht. SPD-Frau Andrea Schröder-Ehlers kann souverän, dazu kompetent. Neben sechs Männern endlich zwei Frauen -- gut für die Stadt und die Auswahl.


Noch einmal die SPD. Die beweist: Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde. Die Sozis haben den ehemaligen Ersten Kreisrat Jürgen Krumböhmer als Kandidaten für den Stadtrat und den Ortsrat in Oedeme nominiert. Bei einer Veranstaltung zur Innenstadt erklärte der lang und breit, was unter dem alten OB Ulrich Mädge als schlecht lief, dass der Landkreis alles viel besser gemacht habe. Angst und Schrecken würden noch heute durch Mädges Agieren herrschen.


Dass seit bald fünf Jahren eine Grüne auf dem OB-Stuhl sitzt, die längst einen Klimawandel im Alltag hätte schaffen können und müssen, vergaß Krumböhmer. Tritt er für die Grünen an?


Wie zuverlässig der Kreis unter seiner maßgeblichen Beteiligung bei der Arena gearbeitet hat, war ebenfalls keinen Satz wert. Bauverzögerungen, eine Verdoppelung bis Verdreifachung der ursprünglich kalkulierten Kosten und ein Brandschutz- und Fluchtwegkonzept, das bis heute nicht wirklich abgenickt ist. Irgendwas ist immer.


Dass ein Sozialdemokrat obendrein in größerer Runde kundtut, er werde den CDU-Kandidaten als Landrat empfehlen, weil der den Job könne, dürfte SPD-Anwärter Andre Schuler sicher freuen. Es ist einer der Momente, wo einem Parteien leidtun können. Fehlt es der SPD so sehr an Unterstützern, dass Krumböhmer auf die Listen darf?


Doch sieht es in den anderen Parteien besser aus? Große Individualisten, aber nicht unbedingt Strategen, die gemeinsam Ziele erreichen wollen.


Bei der Hitze bleibt Samba. Affäre hin oder lieber her. Lauschen wir Tony Holiday und fühlen ganz realistisch:


Tanze Samba mit mir

Weil die Samba uns glücklich macht

Liebe, Liebe, Liebelei

Morgen ist sie vielleicht vorbei

Tanze Samba mit mir

Samba, Samba die ganze Nacht.


In diesem Sinne, Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare


Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.



Kommentar posten Kommentar posten

Ihr Name*:

Ihre E-Mailadresse*:
Bleibt geheim und wird nicht angezeigt

Ihr Kommentar:



Lüneburg Aktuell auf Facebook