Lüneburg, am Samstag den 17.10.2026

Rotehahnstraße als Satire

von Carlo Eggeling am 17.10.2026


Meine Woche

Gewissheit. Durchgerüttelt



Planer wissen, was gut ist für den Lüneburger Zweirad-Mobilisten. Davon war ich überzeugt -- die Neue Sülze rüttelt meine Gewissheit kräftig durch. Sie soll Teil des Fahrradstraßenrings werden. Eins der großen Ziele derer, die wissen, dass wir umsatteln müssen. Ein Stück haben Arbeiter in den vergangenen Monaten umgebaut. Quasi der Rahmen für versenkbare Poller, die irgendwann das Glück perfekt machen. Ich bin da ein paar Mal längs gestrampelt. Mein Kopf schüttelte sich von allein -- Kopfsteinpflaster nicht abgeschliffen, die Oberfläche wellig. Kein Dahingleiten wie beim alten Belag.



Vermutlich wollte Tiefbauamtschef Alexander Matz die neue Zeit im Wortsinne erfahrbar gestalten. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der so empfindet. Denn von den selbst erklärten Hütern der Speichen-Zukunft, von ADFC, VCD und Radentscheid, habe ich kein irritiertes Klingeln gehört. Den Verbands-Pedalos ist die Fahrradklammer auch an der Rotehahnstraße nicht vor Empörung von der Hose gesprungen, obwohl die Pneus dort ebenfalls über ungeschliffene Kopfsteine hoppeln.



Man muss das im Zusammenhang sehen und positiv gestimmt erkennen, das Vorurteil, Verwaltung sei humorlos, sich als völlig falsch erweist. Hier zeigt sich, wie lustig, ja satirisch, die Bauabteilung sein kann: Die an der Rotehahnstraße gesetzten Steine stammen vom Ilmenauufer am Behördenzentrum -- dort wurde ein extra fahrradfreundliches Pflaster gelegt. Die Kopfsteine störten zuvor.


Dass der Behindertenbeirat die Rotehahnstraße als nicht barrierefrei empfindet -- wollen Sie mit jedem reden? Irgendwann ist es mal gut. Es gibt schließlich einen Dialograum und Stadtkonferenzen, beides Einfälle der Oberbürgermeisterin, wie die Pressestelle der Oberbürgermeisterin betont. Dafür gab's sogar einen Preis.



Nun das: Ungehöriger geht es kaum, der Verein Lüneburger Gastronomen bezeichnet dieses Schwafeln um des Schwafeln willens-Angebot als "zu groß, zu träge und zu wenig zielgerichtet". Im Rathaus regieren nach eigener Auffassung Transparenz und Anpacken, und jetzt kommen die Herren und Herrinnen der Zapfhähne und Kaffeemaschinen daher und fordern in einem offenen Brief -- kurz zusammengefasst -- vom neuen Rat, er möge Frau Kalisch und die Ihren anschubsen: "Wir erleben im Umgang mit Verwaltung und Politik häufig eine Problemorientierung und keine Lösungsorientierung. Im Ergebnis werden hierdurch Strukturen zementiert und dynamische Veränderungen blockiert."



Ein Beispiel: Die Verelendung der Innenstadt schreite voran, weil riesige Runde Tische und Konzeptlosigkeit keine Veränderung brächten. Der offene Brief ist allerdings die gedämpfte Fassung, im direkten Gespräch werden Wirte noch deutlicher. Ich lasse es dabei, der Goldene Herbst verwandelte sich vermutlich sonst für OB Claudia Kalisch, Ordnungsdezernent Markus Moßmann und seine Sozial-Kollegin Gabriele Scholz in eine kalte Husche.



Herbst. Ich sitze beim Schreiben auf dem sonnigen Balkon. Erich Kästners 13 Monate fallen mir ein, wie immer fröhlich melancholisch. Für den Oktober ist zu lesen: "Blätter tanzen sterbensheiter / ihre letzten Menuetts."


Sterbensheiter. Es passt nicht so recht in diese Kolumne. Trotzdem möchte ich kurz erinnern, weil ich Nachrufe vermisst habe. Caspar Alte ist kurz vor seinem 90. Geburtstag gegangen. Er war von 1992 bis 1994 Standortältester in Lüneburg. Damals blickte man eher kritisch auf die Bundeswehr. Gerade ich als politischer Kriegsdienstverweigerer mit langen Haaren. Termine in der Kaserne und im Offizierscasino waren immer besonders, jedoch mit freundlich spöttischem Blick auf den jungschen Volontär. Machen Sie es gut, Herr Oberst.



Beeindruckt hat mich damals Dietrich Piencka. Der Polizist kam in seinen elf Jahren als Beauftragter für Jugendsachen nicht bei all seinen Kollegen gut an, zu verständnisvoll. Ein Kriminalhauptkommissar, der wie ein Sozialarbeiter wirkte. "Gefängnisse sind die Notwehr der Gesellschaft", sagte er. Dabei entschuldigte er Brutalität nicht und wollte sie ahnden; er war aber der Meinung: "Am erfolgreichsten ist der Polizist, der Verständnis für den Täter hat." Verstehen auch als Ermitteln verstanden.


Schlimme Taten gab es bereits damals reichlich, selbst wenn heute in Dauerschleife zu hören ist: "Es wird immer schlimmer." Piencka sagte Sätze, die Grauen erklärbar machen: „Denken Sie an Kindesmissbrauch, häufig sind die Täter als Kind selbst vergewaltigt worden." Wegsperren sei keine Lösung: „Sühnen und Heilen" sei der Weg, glaubte der Beamte. Sein Credo: „Menschen sind wandlungsfähig." Das Gespräch führten wir 1996. Es ist noch heute modern.



Piencka engagierte sich im Ruhestand in sozialen Organisationen wie der Mediationsstelle Brückenschlag. Auch er starb wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag.


Gegangen ist Adendorfs Bürgermeister Thomas Maack. Er hat das selbst entschieden. Die Anteilnahme ist gewaltig. Das zeigt -- manchmal ist mit einem einfachen Wort einfach gesagt --, ein guter Mensch ist nicht mehr da. Einer, der viel bewegt hat, der zugewandt, freundlich und so war, wie Politik sein sollte, nah bei denen, für die er Politik und Verwaltung macht. Ich habe es in einem Nachruf beschrieben. Thomas, du fehlst.


"Blätter tanzen sterbensheiter / ihre letzten Menuetts." Ein Blick zurück. Der kann bei aller Traurigkeit ein wenig Heiterkeit schenken. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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