Lüneburg, am Donnerstag den 11.06.2026

Sie leben Europa — durch die Hanse

von Carlo Eggeling am 11.06.2026


Sie leben Europa
Zwei Lüneburger engagieren sich für den Hanse-Bund. Es ist ein Einsatz für Freundschaft und Demokratie

Am 18. Oktober 1161 schrieb Artlenburg europäische Geschichte: In der lange verschwundenen Erthenburg hatten sich um Heinrich den Löwen wichtige Männer darunter Bischof Gerold von Lübeck und Graf Adolf II von Holstein versammelt. Sie beenden einen Streit der zwischen Kaufleute aus Gotland und dem Herzogtum Sachsen Tote und Verletzte gefordert hatte. Das Artlenburger Privileg, das der mächtige Herzog Heinrich einfädelte, gilt Historikern als Beginn der Hanse. Lübecker Kaufleute wurden den dominierenden gotländischen Kaufleuten im Handel rechtlich im Ostseeraum gleichgestellt wurden. Ein wirtschaftlichen Supermacht, würde man heute sagen: Die Hanse, das althochdeutsche Wort für Schar, entwickelte sich im Mittelalter zu einer europäischen Union von Städten und Kaufleuten.

Auch wenn die alte Hanse unterging, ihre Idee internationaler Zusammenarbeit ist geblieben und 1980 im niederländischen Zwolle wiederbelebt worden, heute zählen rund 200 Städte zu diesem Bund. Jedes Jahr treffen sich Delegationen, dieses Mal vom 11. bis 14. Juni in Stargard, auch aus Lüneburg reist eine Gruppe nach Polen. Mit dabei sind Kristin Heuer und Leo Staritzbichler. Sie gehören zu denen, die im vergangenen Dezember in Stade die Norddeutsche Jugendhanse neu gegründet und dabei auf ältere Verbindungen zurückgegriffen haben. Die Stadt Lüneburg unterstütze ihr Engagement großzügig, erzählen die beiden bei einem Kaffee.

Kristin, die Bremen Politikwissenschaften studiert, findet, die Hanse lebt Europa: "Brüssel und die EU sind eigentlich weit weg, auf regionaler und kommunaler Ebene kommt die Idee nicht an. Wie wir es erleben und machen, das ist ganz anders." Leo sieht es ähnlich: "Es ist eine super Möglichkeit, in Europa weiter zusammenzuwachsen. Demokratie bedeutet Verbundenheit." Das oft Trennende wandle sich durch das Kennenlernen und Miteinander: "Die anderen sind nicht mehr die anderen." Sondern Freunde.

Der Blick auf die oft gescholtene Politik ändere sich. In den Delegationen reisen Vertreter aus den Kommunalparlamenten mit, auch Landräte und Bürgermeister. In der freundlichen und lockeren Atmosphäre komme man in Gespräch, gewinne bei einem Bier oder Limo Verständnis für Entscheidungen, könne aber auch Gegenpositionen und Gedanken platzieren. Die 25-jährige Kristin sagt: "Sie wollen junge Meinungen hören." Hier werden Europa und die Verbundenheit gelebt, denn viele Teilnehmer pflegen Kontakt über die Hanse-Tage hinaus: "Wer fährt, macht es meistens seit Jahren und ist mit Herzblut dabei."

as erleben auch die beiden so. Leo, 22 Jahre jung, fährt vor dem Hansetag in Polen zu einem Treffen ins französische La Rochelle am Atlantik, um Gleichgesinnte zu treffen. Beide sind in Norddeutschland unterwegs, um sich auszutauschen. Natürlich in Lübeck, der Backstein-Schönheit mit den Lüneburger Speichern neben dem Holstentor. Die Stadt an der Trave ist aus historischen Gründen Kopf der Hanse, Bürgermeister Jan Lindenau hat das Amt des Vormanns inne. Kristin, die schon etwas länger dabei ist, sagt: "Es entwickeln sich Freundschaften." In Deutschland und darüber hinaus beispielsweise nach Holland, dessen Städte sehr aktiv seien.

Der Gedanke der Hanse verbinde, parteipolitisch neutral, aber ein klares Bekenntnis zu Demokratie, Internationalität und Partizipation, also Teilhabe -- das ist für die beiden Studenten selbstverständlich. Sie wünschen sich mehr: Wenn die Städte sich in Arbeitskreisen treffen, um gemeinsame Interessen auszuloten und zu vertreten, säßen sie gern dabei, um auf die Anliegen ihrer Generation aufmerksam zu machen, natürlich wäre ein Thema der Klimawandel und dessen Folgen.

Dabei hört es sich handfest an, wie die beiden in die Welt gehen. Die Politik-Studentin hat Praktika bei der Stadt Hamburg durchlaufen, es ging auch um Zusammenarbeit. Leo ist für sein Studium aus Stuttgart nach Lüneburg gekommen, dort war er Mitglied des Jugendrates, jetzt steht er auf einem hinteren Platz auf der Wahlliste der Grünen zur Stadtratswahl im September.

Beide sehen, dass ihr Tun in den Hanse-Gremien Teil eines Wurzelwerks ist. Ihre Verbindungen wachsen weiter, später können sie sich gut vorstellen, auf internationaler Ebene zu arbeiten -- da dürften sie einige treffen, die sich ähnlich wie sie beispielsweise für Dänemark, Schweden, Estland, Belgien oder Holland einsetzen. Europa ist dann mehr als eine Idee, sondern Freundschaft. Und mit Freunden geht man gern zusammen weiter. Aus dem Wurzelwerk ist ein Baum mit Früchten geworden.

Das war schon der Gedanke im Jahr 1161 in Artlenburg. Friedlich zusammenleben, Handel treiben und sich in einer Schar verbünden. Darum geht es heute wieder. Hanse, die steht für Europa. Carlo Eggeling

Fotos:
Kristin Heuer und Leo Staritzbichler setzen sich für die Norddeutsche Jugendhanse ein. Sie treffen sich regelmäßig mit Gleichgesinnten beispielsweise aus Stade, Lübeck und Braunschweig. Die beiden Studenten gehören zu Lüneburger Delegation, die zum Hanse-Tag nach Polen reist.

Die Lüneburger Speicher neben dem Holstentor sind ein Sinnbild für die enge Verbindung, die der Salzhandel zwischen Ilmenau und Trave einst hatte. Lübeck galt als Kaufhaus, Lüneburg als Salzhaus. Der Handel mit dem Weißen Gold reichte weit in den Ostseeraum.

© Fotos: ca


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