Lüneburg, am Sonntag den 14.06.2026

Skandale der Langeweile

von Carlo Eggeling am 13.06.2026



Meine Woche

Für die Seele


Mit dem Baum fühlt sich der Deutsche seelenverwandt. Der Wald als Sehnsuchtsort. Was wär' die Märchensammlung der Gebrüder Grimm ohne Tann, was die deutsche Romantik? Hach, wie schön "Aus dem Leben eines Taugenichts", wenn Joseph von Eichendorff seinen Helden unterm Baum von seiner Angebeteten träumen lässt. In den 1980er Jahren schaffte es Le Waldsterben gar ins Französische. So viel Anerkennung einer Kulturnation. Très bien.


Wenn sich die Säge durch Rinde und Stamm frisst, tut es vielen in der Seele weh. Wie jetzt an der Uni, die 21 Robinien fällte, genehmigt waren vier. Es schallt: "Skandal!" Mir ging es durch, sofort hatte ich die früh verstorbene Alexandra und ihr Chanson von 1968 im Ohr "Mein Freund der Baum ist tot". Sehnsucht, Liebe: "Ich fühlte mich bei dir geborgen / und aller Kummer flog davon / Hab′ ich in deinem Arm geweint / strichst du mit deinen grünen Blättern / mir übers Haar mein alter Freund." Geht mit den Uni-Robinien nicht mehr. Quel malheur!


Wie standsicher die Bäume waren oder nicht, keine Ahnung. Die Uni will ein anderes Wegekonzept umsetzen, Straßen aufbrechen, wegnehmen, Wasser kann gut versickern. Klingt nach einer ökologischen Verbesserung. Am besten mit neuen Bäumen. Dazu ein Fest. Alexandra in Vinyl "Mein Freund der Baum".


Doch erst einmal geht es in der Zeitung um knallharte Recherche und Haltung. Für den Baum. Seelenverwandt, das spüren Sie sicher. Da weiß der Journalist von "handfestem Streit" zwischen der Stadtverwaltung und der Uni. Handfest. Im Wortsinne? Kopfkino: Auf die Augen, aus dem Sinn -- Frau Kalisch gegen den schmächtigen Herrn Spoun. Bitte merken fürs nächste Stadtfest. Was für ein Programmpunkt unter Bäumen! Im Clamartpark gab es Käfigkämpfe, die gemeinhin im TV-Spätprogramm von Spartenkanälen laufen mit dem Hinweis Unter 16 Jahren nicht geeignet. In Lüneburg klatschen ABC-Schützen. Da liegen wir mal vorn.


Übrigens die gemeine Robinie ist -- aufgepasst alle, die angebliche Überfremdung total schlimm finden -- ein aus Nordamerika eingeführter Baum. Gehört hier letztlich nicht her. Ökologisch macht sie wenig her. Auf der Seite Landesforsten Rheinland-Pfalz ist zu lesen: "Für die Artenvielfalt sind (sie) wenig wertvoll. Heimische Arten können mit der Robinie kaum etwas anfangen -- sie haben sich nicht auf diese Baumart spezialisieren können. An der Eiche leben über eintausend Insekten, die aussterben würden, gäbe es keine Eiche. Das wäre ein gewaltiger ökologischer Schaden. Würde die Robinie verschwinden, so würde das die heimische Insektenwelt wenig berühren."


So kann's gehen mit medialer Aufregung. Luftballon -- pffft. Gute Redakteure legen trotzdem nach. Studenten der Nachhaltigkeits-Uni haben sich nicht zu Protestzügen zusammengeschlossen. Meine Güte. Soll sich Fridays für Future neben dem Libeskind-Bau neu gründen? Ich denke, Studis gehen über die Straße, mitten in den schattigen Wald.


Die nächste Aufregung beschert uns Amelinghausen. Ganz investigativ deckt ein Kollege auf, dass sich im Mitteilungsblatt der Gemeinde Heinz Sowieso beschwert, mit den Bauarbeiten im Waldbad gehe es nicht voran. Gar eine interne Mail kennt der Redakteur. Wer Heinz ist, welche Qualifikation er außer Meckerpott besitzt, erklärt uns der Autor nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, bauen sie das Bad für um die 5,5 Millionen Euro mehr oder weniger neu. Anfang, Mitte Juli können alle in den Becken plantschen, ergibt ein Anruf im Amelinghausener Rathaus. Einer beschwert sich. Welcher Sack Reis war umgefallen?


Respekt für Michèl Pauly, der für Volt als OB-Kandidat antritt. Anders als die Vertreter etablierter Parteien muss er reichlich 200 Unterschriften zusammentragen, um sich in Lüneburg für den Chefsessel des Rathauses bewerben zu dürfen. Er steht auf der Bäckerstraße, stellt Selfies ins Netz, klappert Straßen ab. "100 fehlen mir noch", sagt der ehemalige Ratsherr der Linken. Seine Chancen sind gering, sein Optimismus groß. Allein das ist mal was.


Auch Heiko "Parteilos" Meyer muss Unterschriften sammeln. Der Vorsitzende der Handelsorganisation LCM ist mit jedem zweiten per Du, deshalb gibt er sich nicht nur optimistisch, sondern siegessicher, es zu schaffen. Wahlkampf kostet. Meyer betont, er zahle selbst. Na ja. Glaube ist etwas Schönes, Zweifeln realistisch. Geld braucht sich auch unser aller Heiko. Einfacher wird es, wenn man beispielsweise einer Wählergemeinschaft angehört, die darf Spendenbescheinigungen ausstellen, die das Finanzamt anerkennt. Den Weg soll Meyer kennen, habe ich mir erzählen lassen. Er kann so weiter unter parteilos firmieren. Es geht stets darum, Geschichten selbst zu schreiben.


Wer klug ist, schreibt sie indirekt. Das versteht augenscheinlich die Polizei. Die verkündet einen Schlag nach dem anderen gegen lokale Drogenlieferanten. Es geht gegen die untere Etage im Mittelbau des Dealerhandwerks. Durchsuchungen, Stoff sichergestellt, Festnahmen. Dazu regelmäßige Kontrollen des Straßen- und Schwarzhandels. Der Polizeibericht ist gespickt damit. Ziel: Zum einen zeigen, der Staat greift zu, zum anderen eine Position im Wahlkampf, aus dem sich die Staatsmacht natürlich heraushält.


Rathaus und Politik fordern mit Blick auf den September, die Polizei müsse mehr tun, um Verelendung im Stadtbild geringer aussehen zu lassen. Das soll davon ablenken, dass es vor allem um soziale Probleme und Ordnungsrecht geht. Eine unendliche Geschichte um einen Sucht-Treffpunkt. Warum gehen Ordnungsdezernent und OBin nicht gegen Spätis vor, die neben Flaschen laut Polizeikreisen auch anderes unterm Tresen offerieren? Offiziell kommentieren die Beamten diesen "Straßenkampf" nicht. Es gibt so viele Gespräche, die man nie geführt hat.


Ein anderer Aspekt: Kameraüberwachung, die sich unter anderem die Oberbürgermeisterin von der Polizei wünscht, macht wenig Sinn. Der Sand als angebliche Null-Promille-Zone hat gezeigt, wer das Leben als Rausch leben will oder muss, zieht um. Kameras dürften denselben Verdrängungseffekt erzielen. War früh von der Polizei zu hören.


Damit zurück zum Anfang und dem Baum, Wochenende. Waldspaziergang mit Erich Kästner, dem hoffenden Melancholiker mit seinem Trostlied:


"Wär ich ein Baum, stünd ich droben am Wald.

Trüg Sonne und Mond in den grünen Haaren.

Wäre mit meinen dreihundert Jahren

nicht jung und nicht alt..."


Hach, vor meinem Fenster wiegen sich langmähnige Birken. Gute Stunden. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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