Lüneburg, am Mittwoch den 29.07.2026

Skandale der Langeweile

von Carlo Eggeling am 13.06.2026



Meine Woche

Für die Seele


Mit dem Baum fühlt sich der Deutsche seelenverwandt. Der Wald als Sehnsuchtsort. Was wär' die Märchensammlung der Gebrüder Grimm ohne Tann, was die deutsche Romantik? Hach, wie schön "Aus dem Leben eines Taugenichts", wenn Joseph von Eichendorff seinen Helden unterm Baum von seiner Angebeteten träumen lässt. In den 1980er Jahren schaffte es Le Waldsterben gar ins Französische. So viel Anerkennung einer Kulturnation. Très bien.


Wenn sich die Säge durch Rinde und Stamm frisst, tut es vielen in der Seele weh. Wie jetzt an der Uni, die 21 Robinien fällte, genehmigt waren vier. Es schallt: "Skandal!" Mir ging es durch, sofort hatte ich die früh verstorbene Alexandra und ihr Chanson von 1968 im Ohr "Mein Freund der Baum ist tot". Sehnsucht, Liebe: "Ich fühlte mich bei dir geborgen / und aller Kummer flog davon / Hab′ ich in deinem Arm geweint / strichst du mit deinen grünen Blättern / mir übers Haar mein alter Freund." Geht mit den Uni-Robinien nicht mehr. Quel malheur!


Wie standsicher die Bäume waren oder nicht, keine Ahnung. Die Uni will ein anderes Wegekonzept umsetzen, Straßen aufbrechen, wegnehmen, Wasser kann gut versickern. Klingt nach einer ökologischen Verbesserung. Am besten mit neuen Bäumen. Dazu ein Fest. Alexandra in Vinyl "Mein Freund der Baum".


Doch erst einmal geht es in der Zeitung um knallharte Recherche und Haltung. Für den Baum. Seelenverwandt, das spüren Sie sicher. Da weiß der Journalist von "handfestem Streit" zwischen der Stadtverwaltung und der Uni. Handfest. Im Wortsinne? Kopfkino: Auf die Augen, aus dem Sinn -- Frau Kalisch gegen den schmächtigen Herrn Spoun. Bitte merken fürs nächste Stadtfest. Was für ein Programmpunkt unter Bäumen! Im Clamartpark gab es Käfigkämpfe, die gemeinhin im TV-Spätprogramm von Spartenkanälen laufen mit dem Hinweis Unter 16 Jahren nicht geeignet. In Lüneburg klatschen ABC-Schützen. Da liegen wir mal vorn.


Übrigens die gemeine Robinie ist -- aufgepasst alle, die angebliche Überfremdung total schlimm finden -- ein aus Nordamerika eingeführter Baum. Gehört hier letztlich nicht her. Ökologisch macht sie wenig her. Auf der Seite Landesforsten Rheinland-Pfalz ist zu lesen: "Für die Artenvielfalt sind (sie) wenig wertvoll. Heimische Arten können mit der Robinie kaum etwas anfangen -- sie haben sich nicht auf diese Baumart spezialisieren können. An der Eiche leben über eintausend Insekten, die aussterben würden, gäbe es keine Eiche. Das wäre ein gewaltiger ökologischer Schaden. Würde die Robinie verschwinden, so würde das die heimische Insektenwelt wenig berühren."


So kann's gehen mit medialer Aufregung. Luftballon -- pffft. Gute Redakteure legen trotzdem nach. Studenten der Nachhaltigkeits-Uni haben sich nicht zu Protestzügen zusammengeschlossen. Meine Güte. Soll sich Fridays für Future neben dem Libeskind-Bau neu gründen? Ich denke, Studis gehen über die Straße, mitten in den schattigen Wald.


Die nächste Aufregung beschert uns Amelinghausen. Ganz investigativ deckt ein Kollege auf, dass sich im Mitteilungsblatt der Gemeinde Heinz Sowieso beschwert, mit den Bauarbeiten im Waldbad gehe es nicht voran. Gar eine interne Mail kennt der Redakteur. Wer Heinz ist, welche Qualifikation er außer Meckerpott besitzt, erklärt uns der Autor nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, bauen sie das Bad für um die 5,5 Millionen Euro mehr oder weniger neu. Anfang, Mitte Juli können alle in den Becken plantschen, ergibt ein Anruf im Amelinghausener Rathaus. Einer beschwert sich. Welcher Sack Reis war umgefallen?


Respekt für Michèl Pauly, der für Volt als OB-Kandidat antritt. Anders als die Vertreter etablierter Parteien muss er reichlich 200 Unterschriften zusammentragen, um sich in Lüneburg für den Chefsessel des Rathauses bewerben zu dürfen. Er steht auf der Bäckerstraße, stellt Selfies ins Netz, klappert Straßen ab. "100 fehlen mir noch", sagt der ehemalige Ratsherr der Linken. Seine Chancen sind gering, sein Optimismus groß. Allein das ist mal was.


Auch Heiko "Parteilos" Meyer muss Unterschriften sammeln. Der Vorsitzende der Handelsorganisation LCM ist mit jedem zweiten per Du, deshalb gibt er sich nicht nur optimistisch, sondern siegessicher, es zu schaffen. Wahlkampf kostet. Meyer betont, er zahle selbst. Na ja. Glaube ist etwas Schönes, Zweifeln realistisch. Geld braucht sich auch unser aller Heiko. Einfacher wird es, wenn man beispielsweise einer Wählergemeinschaft angehört, die darf Spendenbescheinigungen ausstellen, die das Finanzamt anerkennt. Den Weg soll Meyer kennen, habe ich mir erzählen lassen. Er kann so weiter unter parteilos firmieren. Es geht stets darum, Geschichten selbst zu schreiben.


Wer klug ist, schreibt sie indirekt. Das versteht augenscheinlich die Polizei. Die verkündet einen Schlag nach dem anderen gegen lokale Drogenlieferanten. Es geht gegen die untere Etage im Mittelbau des Dealerhandwerks. Durchsuchungen, Stoff sichergestellt, Festnahmen. Dazu regelmäßige Kontrollen des Straßen- und Schwarzhandels. Der Polizeibericht ist gespickt damit. Ziel: Zum einen zeigen, der Staat greift zu, zum anderen eine Position im Wahlkampf, aus dem sich die Staatsmacht natürlich heraushält.


Rathaus und Politik fordern mit Blick auf den September, die Polizei müsse mehr tun, um Verelendung im Stadtbild geringer aussehen zu lassen. Das soll davon ablenken, dass es vor allem um soziale Probleme und Ordnungsrecht geht. Eine unendliche Geschichte um einen Sucht-Treffpunkt. Warum gehen Ordnungsdezernent und OBin nicht gegen Spätis vor, die neben Flaschen laut Polizeikreisen auch anderes unterm Tresen offerieren? Offiziell kommentieren die Beamten diesen "Straßenkampf" nicht. Es gibt so viele Gespräche, die man nie geführt hat.


Ein anderer Aspekt: Kameraüberwachung, die sich unter anderem die Oberbürgermeisterin von der Polizei wünscht, macht wenig Sinn. Der Sand als angebliche Null-Promille-Zone hat gezeigt, wer das Leben als Rausch leben will oder muss, zieht um. Kameras dürften denselben Verdrängungseffekt erzielen. War früh von der Polizei zu hören.


Damit zurück zum Anfang und dem Baum, Wochenende. Waldspaziergang mit Erich Kästner, dem hoffenden Melancholiker mit seinem Trostlied:


"Wär ich ein Baum, stünd ich droben am Wald.

Trüg Sonne und Mond in den grünen Haaren.

Wäre mit meinen dreihundert Jahren

nicht jung und nicht alt..."


Hach, vor meinem Fenster wiegen sich langmähnige Birken. Gute Stunden. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Petra Beck
am 15.06.2026 um 09:41:54 Uhr
Guten Tag,
Bäume sind Bäume… wie vernahm ich kürzlich, Es müssen Schattenplätze her. Neu gepflanzte Bäume, wie lange dauert es, bis sie an Größe gewinnen. Da taucht dann bei mir die Frage auf, was für Bäume? Die, die auch am Sabde stehen, kleinwüchsig mit der Begründung, dass Touristen die Giebel nicht erspähen können.
Nun und was neue Wegeplanung, wo das Wasser besser absickert? Immer noch nicht begriffen, dass die Erde Luft braucht und der Mensch ebenso, auch von unten, Sonst gibt es Feuer unterm Hinterm.
Wann werden die Stadtplaner so groß, dass sie nicht nur über den Dingen schweben und die Aussicht genießen, sondern weit vorausschauend planen und handeln?
Kommentar von Karsten Hofmann
am 15.06.2026 um 16:23:46 Uhr
Als Lüneburger Bürger, der Stolz ist auf die Universität unserer Stadt, möchte ich Berichterstattung und Leserbriefe zur „Kahlschlag-Aktion“ um fehlende wesentliche Informationen ergänzen, die diese Angelegenheit in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lassen.

Hätte die LZ sachlich und umfassend über den Vorgang informiert hätte eine Schlagzeile lauten können: „Maßnahme der Leuphana zur Entsiegelung einer Betonwüste stößt auf Unverständnis von Anwohnern“
Über einem anderen Artikel hätte den Tatsachen angemessen stehen sollen „Leuphana kündigt schnellen Abrissbeginn an“ (die LZ formulierte „… schneller Baustart…“. Erstaunliche Wortwahl dafür das etwas entfernt werden soll.)

Nach meiner kurzen Recherche der Hintergründe (was eigentlich die Aufgabe der LZ gewesen wäre!) stellt sich mir der Sachverhalt so dar:
Die Leuphana hat vor 6 Jahren eine Firma beauftragt, ein Konzept zur Entsiegelung und nachhaltigen Umgestaltung des ehemaligen Kasernengeländes zu erarbeiten. Nachzulesen unter https://mera.la/projekte/masterplan-leuphana-universitaet-lueneburg-wegweiser-fuer-den-campus-der-zukunft/

Für mich ein vorbildliches Projekt der Nachhaltigkeit!

Nun wird also ein Abschnitt dieses Masterplans realisiert, der eine Entfernung riesiger Betonflächen aus der militärischen Vergangenheit vorsieht, die das Leuphana-Gelände großflächig umweltschädlich versiegeln. (gut auf einigen Fotos in der LZ Berichterstattung zu sehen) In diese Flächen waren wohl zu Beginn der 1990er Jahre in kleinen Ausschnitten die besagten Robinien unsachgemäß eingesetzt worden. Diese Robinien sollten gemäß Masterplan zunächst eigentlich erhalten bleiben, bis ein Baumsachverständiger Zweifel an der Standsicherheit dieser Bäume anmeldete, wenn der bisher stützende Beton entfernt wird.

Angemerkt sei auch, dass diese Bäume inzwischen im öffentlichen Raum kritisch betrachtet werden, da sie einerseits „keine heimischen Gewächse sind und von Vögeln und Insekten gemieden werden“, und andererseits ihre mangelnde Standsicherheit häufig aufgrund äußerlich unbemerkbarer innerer Fäule eine Gefahr darstellen kann.
Noch drastischer kann man auf der Seite der „Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft“ erfahren: „Die Robinie als invasive Problemart im Naturschutz“. Deren Anpflanzung ist überhaupt nur noch in streng begrenzten Ausnahmefälle zulässig, da diese Bäume die Biodiversität der einheimischen Arten bedrohen!
(https://www.lwf.bayern.de/biodiversitaet/biologische-vielfalt/265020/index.php)
Auf NaturaDB ist zu lesen: „Achtung Gewöhnliche Robinie ist eine invasive Art und schädigt die Natur, indem sie die Artenvielfalt bedroht. Bitte pflanze diese Art nicht - vielen Dank!“ (https://www.naturadb.de/pflanzen/robinia-pseudoacacia/)

In vielen Ländern der Welt werden inzwischen Robinien aus Gründen der Nachhaltigkeit und des Naturschutzes gezielt gefällt, um die einheimische Flora zu schützen.

Somit wurde also im Sinne der Nachhaltigkeit und der Gefahrenabwehr entschieden, diese Bäume zu „opfern“, um sie durch Neuanpflanzung vielfältiger heimischer Baumarten zu ersetzen. Ich sehe darin weder Gedanken- oder Verantwortungslosigkeit noch einen Verstoß gegen Nachhaltigkeit, sondern eine sachgerechte Abwägung.
Insoweit ist auch der ausbleibende Protest der Studentenschaft nachvollziehbar, denn der zugrundeliegende Plan bedeutet eine spürbare Verbesserung der Aufenthaltsqualität auf dem Campus. Warum sollten Studierende gegen eine langfristig geplante sinnvolle Verbesserung des Campus protestieren?

Zur Versachlichung und Entpolarisierung der Debatte könnte man auch noch mal diesen Passus von der Internetseite der Stadt Lüneburg beherzigen:
„Mehr Schutz für Bäume, heimische Hecken und Sträucher – und zugleich mehr Möglichkeiten für einen flexiblen Ausgleich, wenn ein Baum gefällt werden muss: Das sind Kernpunkte der neuen Gehölzschutzsatzung, die der Rat der Hansestadt Lüneburg jetzt beschlossen hat.“ (Pressemitteilung vom 29.11.2024, https://www.hansestadt-lueneburg.de/rathaus/aktuelles/pressearchiv/rat-beschliesst-gehoelzschutzsatzung-neue-regeln-fuer-den-schutz-von-baeumen-straeuchern-und-hecken-treten-zum-jahresbeginn-2025-in-kraft.html

Aber im Zeitalter der heutigen Empörungsökonomie löst offenbar jede Baumfällung einen Shitstorm aus. Gelebter Naturschutz ist das leider in der Regel nicht.
Kommentar von Karsten Hofmann
am 15.06.2026 um 16:38:22 Uhr
"Mit dem Baum fühlt sich der Deutsche seelenverwandt ..."
aber er fremdelt mit den akademischen Nachhaltigkeits-Besserwissern der Leuphana. Da kommt doch so ein "Skandal" gerade recht, um denen mal so richtig hämisch eins auszuwischen nach dem Motto "Selber, selber, ...."
Kommentar von Erwin Habisch
am 22.06.2026 um 12:17:45 Uhr
Wenn die Umgestaltung auf dem Leuphana-Campus schon lange geplant war, fragt sich, warum dann nicht auch die Fällaktion so beantragt worden ist, wie sie durchgeführt wurde. Die Fällung von vier Bäumen beantragen und dann 21 - also 17 ohne Genehmigung - zu fällen, ist unrechtmäßig. Nach jahrelanger Planung kann man sich auch nicht damit herausreden, es wäre um jeden Tag gegangen.
Robinien liefern in Deutschland den Nektar für eine der beliebtesten Honigtrachten. Der heisst nur in Brandenburg Robinienhonig, überall sonst in Deutschland Akazienhonig. Vollkommen nutzlos ist die Robinie also nicht für alle Insektenarten.
Mit rund vierhundert Jahren Verbreitung in Europa ist sie bei uns schon so lange wie Kartoffeln anzutreffen.
Bis auf der von Bäumen "befreiten" Fläche wieder Bäume Schatten spenden, wird es etliche Jahre dauern. Vorerst dürften die Studierenden dort in der Sonne geschmort werden.
Antwort von Lüneburg Aktuell
am 22.06.2026 um 10:33:08 Uhr
Danke für Ihre Zuschrift;
Ein Blick ins Weltwissen Wikipedia erklärt, die Robinie ist eine FALSCHE Akazie. Sie gehört weltweit zu den zehn weitestverbreiteten invasiven Arten. Aber wir sind keine Förster. Andere wissen sicher besser Bescheid. Der Rest ist Sache zwischen Stadt, Uni und Umweltverbänden. Sonnigen Tag, LA

Wikipedia:

Die Gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia), auch verkürzt Robinie, Gemeine Robinie, Weiße Robinie, Falsche Akazie, Scheinakazie, Gemeiner Schotendorn[1] oder Silberregen genannt, ist ein sommergrüner Laubbaum. Sie stammt aus Nordamerika und wird seit fast 400 Jahren überall in Europa in Parks und Gärten gepflanzt. Sie wächst inzwischen auch wild.

Die Gewöhnliche Robinie war Baum des Jahres 2020 in Deutschland.[2][3] In der Schweiz wird die Art auf der Schwarzen Liste der invasiven Neophyten geführt.[4]

Sie gehört weltweit zu den zehn weitestverbreiteten invasiven Arten.[5]



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