Lüneburg, am Freitag den 23.10.2026

Unter die Haut

von Carlo Eggeling am 23.10.2026


Tätowierung, das hatte etwas mit Auflehnung zu tun, mit Anderssein als die meisten. Heute tragen Busfahrerinnen Tattoos, Bäckereifachverkäufer, selbst Polizisten haben sich Motive einen halben Millimeter unter die Haut stechen lassen. Es hat sich gewandelt -- kein Tattoo zu haben ist eher ungewöhnlich.

Eine Ausstellung in der Kulturbäckerei nimmt mit in die 60er, 70er, 80er Jahre, Jahrzehnte, in denen man zumeist zur See fuhr oder im Knast gesessen hatte, wenn Bilder auf der Haut prangten. Die Schau zeigt Arbeiten Herbert Hoffmanns, der auf dem Hamburger Berg auf St.Pauli zustach und viele seiner Kunden fotografierte.

Die Rebellion ist vor Tapeten und Röhrenradio zu sehen, Stolz vor zwei Fenstern mit Raffgardinen. Männer in Unterhosen, die mal Liebestöter hießen, darüber prangt rückengewandt der Traum nach Segelboot und Südseepalmen. Soll man lächeln? Soll man den Mut bewundern, den Schmerz ausgehalten zu haben? Soll man die Kunst erkennen, die auf der Haut landete? Von allem ein bisschen etwas.

Schön sind zarte Momente. Zwei Männer, vermutlich Japaner, Ornamente und eine Geisha auf den Leib massgeschnitten. der eine tastet fast verschämt nach der Hand seines anmutigen Gefährten. Die Augen distanziert, fragend auf die Kamera gerichtet. Trotzdem. Ein Augenblick näher als eine Umarmung.

Wenn man mag, brennt, riecht, müffelt die Mischung aus Schweiß, Suff, Stolz und Sehnsucht aus dem Bild der drei Seemänner. Einer lässt sich ein Motiv von Hoffmann stechen, seine Freunde stehen mit und bei ihm. Eine schwule Erotik. Hoffmann lebte mit einem Mann zusammen, das mag eine Rolle gespielt haben.

Ein Pärchen, dessen Verbindung unter die Haut geht. In Pose. Die Frau zeigt Anmut, ihre Haut an den Beinen glatt, keine Wellen des Alters, Motive auf dem Körper. Er schlank und schmuck. Bilder, die sich in einem Bild vereinen.

Das ist nicht immer so beim Schwarz-weiß-Bummel durch die vielen Leben. Falten, Fett, Fotos, die wenig mit Schönheit zu tun haben, aber Träume leuchten lassen. Tattoos bleiben ewig. Aber nicht unbedingt ästhetisch.

Zeitungsartikel aus Bild und MoPo, die Reporter tauchten ein in die Liederlichkeit St. Paulis, ein bisschen schaurig, aber nicht zu viel. So, dass der geneigte Leser lernen kann, selbst Prominente besuchen die Tätowierstube Herbert Hoffmanns. Wenn der Herr Professor nebst Gattin Bilder auf Brust und Oberarm liebt, dann weiß man: Auch die bessere Gesellschaft hat ihre Laster. Alles ganz normal. Ist man das nicht auch und doch etwas anders?

Eine Etage höher geht es um Sebstverstümmelung, Ritzen und Schneiden, weil es der Seele dann besser, leichter gehen soll. Was nicht so ist. Bilder von Menschen, die von ihrem Leiden erzählen und davon wie sie es überwinden -- und schmücken mit Tattoos. Dazu stehen und es hinter sich lassen.

Eine Verbindung, die sein kann, nicht muss. Wie nackte Haut. Carlo Eggeling

Zur Ausstellung:
Herbert Hoffmann (1919-2010) war Tätowierer, Fotograf und leidenschaftlicher Chronist einer Kultur, die lange am Rand der Gesellschaft stand. Über Jahrzehnte porträtierte er tätowierte Menschen unterschiedlichster Herkunft - von Seeleuten und Hafenarbeitern bis hin zu Akademikerinnen, Politikern und Hausfrauen - und hielt ihre Geschichten in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien und handschriftlichen Notizen dazu fest.

Die Bilder geben einen Eindruck der Ausstellung, die noch bis zum 6. Dezember läuft.

© Fotos: ca


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