Viele sind sich nicht grün
von Carlo Eggeling am 28.09.2026Schlappe Wahl und Wahlschlappe
Claudia Kalisch hat gewonnen, sie bleibt Oberbürgermeisterin. Glückwunsch. Rund 53 Prozent derjenigen, die zur Wahl gegangen sind, haben der Amtsinhaberin ihre Stimme gegeben. Ganz so dolle, wie die Grünen und die Zeitung meinen, ist das Ergebnis jedoch nicht, um daraus ein tiefes Einverständnis mit der Verwaltungschefin abzuleiten. Das können die Grünen in Hannover, wo OB Belit Onay mit mehr als 60 Prozentpunkten im Amt bestätigt wurde, oder in Osnabrück, dort fuhr die Grüne Anna Kebschull bei der Wiederwahl zur Landrätin etwa 64 Prozent ein. Es ist ein CDU-Mann, doch Frank Klingebiel wurde als Oberbürgermeister in Salzgitter mit 75 Prozent im Amt bestätigt. Diese Ergebnisse spiegeln Anerkennung.
47 Prozent der Wähler haben sich für Heiko Meyer entschieden. Das ist für einen, der keinen Parteiapparat hinter sich hat, ein gewaltiges Ergebnis. Glückwunsch, auch wenn Meyers Linie nicht ausreichend überzeugte.
Rein von den Zahlen her trommeln die 47 Prozent eine Botschaft in Richtung Grüne und Kalisch. Nahezu die Hälfte der Wähler ist eben nicht zufrieden, wünscht einen anderen Stil. Das hat sich bereits im scheidenden Rat gezeigt, dort erlitten die Grünen beispielsweise mit ihrem Fahrradstraßenring einen Plattfuß. Auch wenn Verbände wie der Radentscheid meinen, dass sie angesichts von Klimawandel und Co eine absolute Wahrheit besitzen, versammeln sich keime Massen hinter ihnen. Eine Mehrheit erzielten sie schon nicht, als über ihre Anliegen abgestimmt wurde -- der Rat brach ab und erklärte sich solidarisch. Wie wär's mit einem Bürgerentscheid zum Thema?
Claudia Kalisch ist mit dem gleichen Programm wie vor fünf Jahren angetreten. Nun hat sie acht Jahre Zeit, es umzusetzen. Dafür muss sie in einem Rat mit acht verschiedenen Gruppierungen diplomatisches Geschick und Charisma beweisen. Sie braucht allerdings eine Fraktion, die aufhört, sich an der SPD und dem ehemaligen OB Mädge abzuarbeiten. Angesichts der Ergebnisse der vergangenen fünf Jahre würde ich sagen: ausbaufähig. Gleiches gilt für den Umgang mit der CDU, die dem Ansatz aus dem Rathaus, der Verelendung der Innenstadt entgegenzutreten, mehr als kritisch gegenübersteht. Und: Der alte CDU-Fraktionschef kam nicht mehr in den Rat, der nächste könnte weniger harmoniebedürftig sein.
Den Grünen ist es offensichtlich gelungen, für die Stichwahl besser und mehr zu mobilisieren als Meyer. Zudem hatten sie im Vergleich zu den anderen, früher angefangen, Annoncen zu buchen, Promis zu engagieren und die sozialen Medien zu bespielen. Ein Coup ist Claudia Kalisch mit ihrer zweiseitigen Anzeige am Tag vor der Wahl in der Lünepost gelungen: Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Ole von Beust erklärte, wie sehr er Frau Kalisch schätze. Das erstaunte viele: Der Hanseat ist Christdemokrat. Aus der CDU ist zu hören, Beust, der eine Agentur für Politikberatung betreibt, sei der Oberbürgermeisterin beruflich verbunden gewesen. Dazu existiert eine Mail, ich durfte sie lesen.
Das entkräftet den Vorwurf, die Schwarzen seien übergelaufen und hätten nicht zu Meyer gestanden. Die Union hatte sich vor der Wahl gar nicht für einen Kandidaten positioniert.
Teile der SPD sprachen sich klar gegen Kalisch aus. Doch die hat einen, auf den sie sich verlassen kann. Denn dass ihm sein SPD-Parteibuch egal ist, bewies Ochtmissens scheidender Ortsoberbürgermeister Jens-Peter Schultz, der bereits in der Vergangenheit zeigte, wie gern er die Oberbürgermeisterin an seiner Seite hat. Er feierte bei den Grünen mit, das ist solidarisch. Allerdings nicht mit denen, für die er im Rat saß. Selbstverständlich war auch mit Bild auf der Anzeige der OB dabei. Was die Grünen so hinbekommen.
Der Rat ist Teil der Verwaltung, sagt die Niedersächsische Kommunalverfassung. Doch der Rat sagt der Verwaltung eben auch, wo Schwerpunkte liegen und kontrolliert sie. Wenn man Schwerpunkte setzen will, muss man sich verbünden.
Welche Parteien tun das für welche Anliegen? Claudia Kalisch und ihre Fraktion sind gefragt, Interessen auszuloten und zu überzeugen. Möglichst schnell, die Herausforderungen sind groß -- vor der Kulisse, dass eben nahezu die Hälfte der Wähler nicht für die aus grüner Sicht erfolgreiche Oberbürgermeisterin gestimmt haben.
Da sie nun für acht Jahre gewählt wurde, kann sie das tun, was sie versprochen hat, für Inhalte einstehen.
In Adendorf hat die beliebte und engagierte Anne Fiedler Kämmerer Matthias Gierke auf den zweiten Platz verwiesen. Eine Schlappe für die SPD, die den "Finanzminister" unterstützt und in Adendorf über Jahrzehnte eine Ewigkeitsgarantie zu besitzen schien. Tempi passati. Glückwunsch auch hier.
Im Landkreis machte Steffen Gärtner erwartungsgemäß das Rennen. Der Samtgemeindebürgermeister aus Gellersen ist, wie seiner Herausforderer André Schuler, Verwaltungsprofi. Gärtner lebt im Kreis, Feuerwehr, Schützen, mit jedem im Gespräch, offen. Dabei klar in der Sache. Das kann helfen, vieles voranzubringen.
André Schuler hat im Wahlkampf an Profil gewonnen. Der Unbekannte aus Embsen ist kein Unbekannter mehr. Er zeigte wenig Ellbogen, aber seine Art überzeugte viele in der SPD. Er wäre jemand, der die Kreistagsfraktion anführen könnte. Ein Wechsel dürfte den Sozis mehr Profil bescheren.
Im November geht es für alle in der neuen Periode los. Jetzt heißt es, Aufräumen an den Straßenrändern. Im Sinne des Humoristen Loriot: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ Carlo Eggeling
Kommentare
Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.
_wernieNovember2.jpg)
_ubiMaster1.jpg)
_Mai23.jpg)
_Banner_Winsen_und_Lueneburg_Aktuell_Hausverwaltung__.jpg)