Lüneburg, am Samstag den 30.05.2026

Vorwärts, bis alles steht. Lüneburg baut so richtig

von Carlo Eggeling am 30.05.2026


Meine Woche
Endlich mal aufregen

Baustellen über Baustellen, nun kommt noch die Autobahn Richtung Hamburg dran, Ausweichen über Bardowick. Das Bahngleis muss schon länger gemacht werden, Qualitätsoffensive nennt das die Bahn. Ging zeitlich alles nicht anders, heißt es von den zuständigen Stellen. In der Salzstadt wird auch überall gebaut, gab einige Kritik in Richtung Rathaus.

Heißa. Jetzt schlägt die Stunde der Oberbürgermeisterin, endlich kann der Finger in andere Richtung zeigen: „Ich kann nicht nachvollziehen, wie derart unabgestimmt Bundesvorhaben ohne Rücksicht auf lokale Bedürfnisse und Interessen geplant werden.“ Claudia Kalisch: „Das ist ein Schlag ins Gesicht für die vielen Berufspendler:innen."

Im Rathaus gibt man sich ahnungslos, man habe aus den Medien von der Malaise erfahren.

Wenn's denn so war. Denn unter Lüneburger Geschäftsleute kursiert ein Schreiben der Industrie- und Handelskammer. Darin heißt es: "Die Terminierung dieser Maßnahme stand bereits seit Langem fest und war anderen Akteuren (Landesstraßenbaubehörde, Landkreis, Hansestadt, Samtgemeinden) längere Zeit bekannt, die Autobahn GmbH hat jetzt lediglich die Öffentlichkeit via Presseinformation informiert."

Nachfrage bei der Stadt. Dort räumt man ein, ja, es habe bereits im Februar ein Gespräch gegeben, aber angeblich habe die "Autobahn GmbH zwar über die Notwendigkeit der Maßnahme informiert, aber es war lediglich von einer Wochenendmaßnahme die Rede und ein konkreter Zeitpunkt wurde nicht genannt".

Angesichts dessen, was nun ansteht war von einem Wochenende die Rede? Keine energischen Nachfrage der Fachleute von Stadt und Kreis im Stile der Oberbürgermeisterin? Ok, vielleicht hilft die Gelassenheit des Dichters George Bernhard Shaw: „Gedanken springen wie Flöhe von einem zum anderen, aber sie beißen nicht jeden."

Nun also empörte Überraschung bei Oberbürgermeisterin und Wahlkämpferin Kalisch. Deshalb hat sie sich wie uns ihre Pressestelle verkündet, an Ministerpräsident Olaf Lies und Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne gewandt, um "die Bauarbeiten auf der A39 bis nach Ende der Qualitätsoffensive zu verschieben." Sie wird energisch: „Wir erwarten eine bessere Abstimmung zwischen den beteiligten Akteur:innen auf Bundes- und Landesebene sowie die Berücksichtigung der berechtigten Interessen der betroffenen Kommunen und ihrer Bürgerinnen und Bürger.“

Das ist mal was. Allerdings haben Lies und Tonne nichts damit zu tun, die Autobahn GmbH ist eine Gesellschaft des Bundes. Der feurige Brief wäre in Berlin eher an der richtigen Adresse als in Hannover. Ist letztlich egal, weil alle wissen: Kümmert keinen, aber gut, dass wir drüber gesprochen haben. Am 1. Juni geht es los.

Die Einsicht in die historische Notwendigkeit lebt Verwaltung gern: Legte das Stadtregiment einst viel Wert darauf, Verkehr in die Stadt zu holen, sperrt man sich nun lieber ab. Dafür greifen Verwaltungen wahrscheinlich auf ein mittelalterliches Vorbild zurück. Von 1392 an besaß die Salzstadt das Stapelrecht, Kaufleute waren verpflichtet, in die Stadt zu kommen und ihre Waren zum Verkauf anzubieten. Weil das nicht alle Handelsherren wollten, legt die Stadt die Landwehr an, ein System aus Gräben und Wällen, das Fuhrwerke zwang, das Alte Kaufhaus im Hafenviertel zur Station zu machen.

Heute sitzen Planer in der Verwaltung, die augenscheinlich das Gegenteil verfolgen: Wir halten so gut es geht, alle raus und machen das Verlassen der Stadt mehr als schwer. Bleckeder und Dahlenburger Landstraße dicht. Soltauer Straße wegen der maroden Brücke dicht. Da kann man nachlegen und macht die Straße Richtung Häcklingen und Rettmer ebenfalls zur Baustelle, Kanalarbeiten. Die Ebert-Brücke passt gut dazu. In Bardowick muss jetzt unbedingt der Kreisel ran. Die Bundesstraße 209 bei Adendorf ist noch frei? Aber nicht mehr lange. Die Bagger rollen im Sommer.

Gut gefallen hat mir der vielstimmige parteiübergreifende Chor unserer Abgeordneten, als sie mit Tirili verkündeten, jede Menge Bares schwappt aus dem 500 Milliarden schweren Investitionsprogramm des Bundes in die Region. Was können wir nicht alles Schönes bauen. Der Irrsinn zeigte sich am gleichen Tag, als Kommunal-Fürsten nach Hannover reisten, um auf das bevorstehende Ertrinken im Schuldenmeer aufmerksam zu machen. Bund und Land zeigen sich bei zig sozialen Versprechen generös, bloß ein Gutteil der Kosten bleibt am Ende an Kreisen und Gemeinden hängen.

Eine Petitesse, die 500 Milliarden Investitionsmittel stammen ebenfalls aus Schulden.

Wollen wir nicht gemeinsam mit den Abgeordneten den zeitlosen Gassenhauer von Robert Steidl von 1922 singen:

"Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen,
ihr klein Häuschen, ihr klein Häuschen,
wir versaufen unser 0ma ihr klein Häuschen
und die erste und die zweite Hypothek."

Für den richtige Ton sorgt gern die Deutsche Umwelthilfe, welche die Stadt auffordert, das Rummel-Feuerwerk zu unterbinden. Auffordert, das spricht für Selbstbewusstsein. Die Drohnen-Show, der Umwelthilfe im vergangenen Jahr versprühte nicht mal den Zauber einer Wunderkerze. Wenn es blitzt und donnert stellt das angeblich tödlich bedrohte Getier wahrscheinlich Asylanträge beim Tierheim. Ähnlich wie die Tauben, die verhungern, wenn sie nicht verbotswidrig von angeblichen Tierschützern verköstigt werden. Könnte es sein, dass Natur bedeutet, die regelt das auf natürliche Weise?

Bleiben wir heiter. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Die Baustellen sind nicht schlimm, wir merken, wie bedeutend zum Beispiel der Fahrradstraßenring für Lüneburg ist. Oma packen wir ins Lastenrad, wenn wir über die Fahrradschnellstraße nach Hamburg pesen. Ansonsten sind mehr als 10 000 Schritte pro Tag richtig gesund.

Sollten Sie diese Zeilen ein wenig aufregen, ist das gut so. Stimuliert den Kreislauf. Bleiben Sie mir gewogen, das tut mir gut. Angenehmes Wochenende, Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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