Wahl der Qual — Qual der Wahl
von Carlo Eggeling am 03.10.2026Meine Woche
Wählerisch
Im Rat war's am Donnerstag so muckelig. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter für gute Arbeit in den vergangenen fünf Jahren. Auch mit der Oberbürgermeisterin und der Verwaltung ist es im Grunde genommen zum Liebhaben. Was man so sagt, wenn man sich im Guten trennen will. Bisschen wie Weihnachten, da ist auch kein Platz für Realismus des Alltags. Es war die letzte Sitzung in alter Zusammensetzung, Mitte November tagt der neue Rat mit einigen neuen Gesichtern.
Doch so rosenrot die Schar ins Wochenende startete, es geht dornig weiter. Denn nicht nur die Landratswahl dürfte durch die AfD wegen des Ausschlusses ihres Kandidaten angefochten werden, auch die Wahl zur Oberbürgermeisterin steht infrage: Bei Facebook hat eine Lüneburgerin einen Muster-Einspruch eingestellt und fordert dazu auf, kräftig Gebrauch davon zu machen. Es geht um zwei Punkte: Briefwahlunterlagen zur Stichwahl seien nicht fristgerecht bei Bürgern angekommen, und zum anderen habe Claudia Kalisch "unzulässig städtische Ressourcen oder Kanäle der Stadtverwaltung" als Wahlempfehlung genutzt. Übersetzt: Die OB habe die Presseabteilung für ihre Wahlwerbung umgeschaltet. Das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz schreibt vor, dass Öffentlichkeitsarbeit einer Gemeinde sachlich und neutral sein muss. Eben das steht für die Initiatorin des Aufrufs augenscheinlich in Frage.
Nun soll das Verfahren geprüft und die Stichwahl gegebenenfalls wiederholt werden. Eideraus. Das ist mal was. Denn diesen Einspruch kann jeder Lüneburger Wähler erheben. KI, also komische Intelligenz, macht Rechtsberatung kinderleicht.
Ich hatte schon vor Wochen den städtischen Wahlleiter, Markus Moßmann, angeschrieben und gefragt, ob er die Pressearbeit der Verwaltungschefin für korrekt halte. Dazu wolle er vor der Wahl nichts sagen. Nach der Wahl? Auch nicht. Ich glaube, Herr Moßmann wird bald Antworten geben müssen. Bürger haben einen Anspruch darauf. Zudem setzt die Oberbürgermeisterin erklärtermaßen auf Transparenz — ein Fest der Bürgerbeteiligung. Tolles Monatsmotto für den Dialograum: Rechtshilfe beim Wahleinspruch!
Es ist nicht die einzige Möglichkeit, die Wahl zum Thema zu machen. Der Gang vors Verwaltungsgericht könnte Erfolg haben. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat 2024 entschieden, dass die Wahl in Bad Gandersheim wiederholt werden musste: Hintergrund waren sogenannte Gartenzaungespräche der Bürgermeisterin. Die habe ihr Amt mit diesen Gesprächen genutzt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das sei nicht statthaft.
In Lüneburg betreibt die Pressestelle den Kanal Oberbürgermeisterin Kalisch beziehungsweise OB Kalisch, in dem die Kalischsche Arbeit intensiv begleitet wird. Der wirkt wie ein großer Resonanzboden, wenn das angeblich segensreiche Wirken der Grünen Patronin als Saitenspiel erklingt. Was aber zum Beispiel Parteifreundin Ricarda Lang mit dem Amt der OB zu tun hat, bedürfte einer Erklärung. Wenn Frau Kalisch "Post aus dem Rathaus" ins Netz stellt, ist es zumindest fragwürdig, auf einem neutralen Sendeplatz Ratsentscheidungen zu kommentieren, die in VE nicht gefallen. Was auf ihrem privaten Kanal ihr gutes Recht ist, ist es bei einem aus Steuergeld bezahltem Sprachrohr nicht unbedingt.
Für den unterlegenen Heiko Meyer ist der Trommelwirbel der Bürgerin das Angebot, ein Konzert zu veranstalten. Und das erst einmal mit kleinem Geld, denn vor dem Verwaltungsgericht kommt man mit ein paar Hundert Euro auf die Bühne. Es liegt nahe, den Anwalt anzurufen, der in Bad Gandersheim den Weg in ein korrektes Wahlverfahren ebnete.
Noch einmal zurück zum Stadtrat und seinem Farewell. Weil so viele gehen, wollte man sich gegenseitig herzen und mal sagen, wie wichtig man sich fühlt, wie verantwortungsvoll, wie engagiert und wohltuend für die Stadt. Psychologen können erklären, wie bedeutungsvoll eine Rückversicherung in gruppendynamischen Prozessen ist. Gerade wenn es ansonsten überschaubar Lob gibt, muss man das selbst in die Hand nehmen, eben als Motivation.
Ich persönlich war ein wenig traurig, weil zwar mein Kollege Jan Beckmann von der LZ für seine Berichterstattung durch einen gewichtigen Irgendwie-grünen-Sozialdemokraten Anerkennung erntete, ich bekam kein nettes Wort, auch wenn mein Name nicht fiel. Jan sei aufbauend, der Blick eines anderen Berichterstatters ungerechtfertigt und schlecht machend. Ich finde, Kritik ist die Zärtlichkeit der Journalisten.
Ich möchte auch ein nettes Wort und daher unbedingt loben. Es ist ein schönes Zeichen von Gemeinsamkeit, wenn ein SPDler gerne die grüne Oberbürgermeisterin neben sich weiß. Ich finde es auch schön, wenn der Vertreter von Volt sein Bild fast kuschelnd mit der siegreichen OB ins Netz stellt. Total aufregend ist es, wenn über einen Traum von Gemeinsamkeit in politischen Kreisen gewispert wird: Grüne, CDU, FDP und Volt zusammen im nächsten Rat -- endlich beginnt die Zeit, dass sich was dreht. Maracuja-Bündnis soll die Melange heißen. Passionsfrucht, mega süß. Passion, Leidenschaft, wäre sinnstiftend für das Miteinander. Da sieht man, wie ein einzelner Mann sich für sehr bedeutend hält. Selbstbewusstsein ist grundsätzlich toll.
Ich blicke positiv auf die nächsten fünf Jahre Stadtrat und vielleicht acht Jahre Claudia Kalisch. Alle setzen sich ein und suchen ganz biblisch der Stadt Bestes. Oft geht es richtig lustig im Rathaus und im politischen Leben zu. Zu schreiben gibt es immer was, dafür sage ich Danke.
Wer all das gemein findet, ich weiß, dass es welche gibt, mag Trost finden in einem Satz des Kabarettisten Werner Schneyder, den ich vor Jahren in der „Süddeutschen“ gefunden habe, sinngemäß: Satire ist nicht der Feind der heilen Welt, sondern die Forderung danach. Bloß ist die Welt halt für jeden anders. Carlo Eggeling
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