Lüneburg, am Samstag den 10.10.2026

Wann wählen wir wieder?

von Carlo Eggeling am 10.10.2026


Meine Woche

Lachen. Gefährlich



Der Duden definiert mehrere so: "eine unbestimmte größere Anzahl, Menge; einige, etliche". Man wählt das Wort gemeinhin, wenn man es nicht so genau weiß oder wenn man sein Gegenüber im Ungewissen lassen will. Mehrere können drei, dreizehn oder dreißig sein. Ich hatte die Pressestelle des Rathauses gefragt, wie viele Einsprüche zur Stichwahl der OB-Kandidaten eingegangen sind. Die Antwort können Sie sich denken. Nun denke ich, Wahlleiter Markus Moßmann, seines Zeichens Jurist und daher akkurat, könnte zählen und ein konkretes Ergebnis mitteilen. Denkste. Mehrere. Drei, dreizehn, dreißig?



Das Sprachrohr von Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch bestätigt eine Frage, die ich gestellt hatte, ist ein Musterbrief Vorbild? "Ihr Inhalt entspricht im Wesentlichen einem Musterschreiben, das sich auf einem privaten Facebook-Account findet." Daher könnte man vermuten, eine Menge Menschen findet, dass die Wahl überprüft werden sollte. Mehrere.


Im Kern geht es darum, was viele in der Stadt beschäftigt, zum einen unterstellen Skeptiker, dass Wahlunterlagen für die Stichwahl zu spät zugestellt wurden, zum anderen geht der Vorwurf dahin, dass die laut Kommunalverfassungsgesetz sich neutral und sachlich zu verhaltende Verwaltung samt Pressestelle des Rathauses eher zu einer Werbeabteilung Claudia Kalischs mutierte. Der Kanal OB_Kalisch im Netz zeigt viel blonden Wirbelwind. Was das mit sachlich und neutral zu tun hat, erschließt sich nicht jedem.


Da ich den Vorwurf sexistisch schon höre -- es liegt an der Girlie-Inszenierung. Empfinden übrigens auch Frauen so, die ich gefragt habe. Sehr selbstbewusste, die Feminismus leben. Seis`s drum.


Das Rathaus sieht selbstverständlich alles im grünen Bereich. Die Kommunalaufsicht in Hannover habe auf meine Anfrage, die ich im Juli gestellt hatte, doch nichts am Wirken der Pressestelle auszusetzen gehabt. Die Antwort ist formal betrachtet die Antwort der Oberbürgermeisterin, denn die zeichnet verantwortlich. Nicht Leiterin Ann-Kristin Jenckel, die seit Monaten samt ihrer Mitarbeiter Mitteilungen an mich warum auch immer stets anonym absendet. Kindergarten ist professioneller.


Das Drehbuch für die kommenden Monate? Einsprüche können laut Rathaus bis zum 30. Oktober eingelegt werden. Die werden in öffentlicher Sitzung diskutiert. Gelangt der Rat zum eher unwahrscheinlichen Ergebnis, Einsprüche seien begründet, könnte die Wahl wiederholt werden. Lehnt das Gremium das ab, steht der Weg zum Verwaltungsgericht und in nächster Instanz zum Oberverwaltungsgericht offen. 2024 entschied das OVG Lüneburg: In Bad Gandersheim muss die Wahl wiederholt werden.


Der Flaneur, der hier seine Pommes nascht und dort seine Apfelschorle schlürft, hört Unmut und kann vermuten, Kritik wächst in eine Bewegung. Mal sehen, wen man sich als Kopf vorstellt. Klar ist auch, was die Oberbürgermeisterin, die im Wahlkampf ihre politische Farbe ablegte, nun in und mit ihrer Partei wieder ergrünte, streuen lassen dürfte: Alles gemein und ungerecht, da will nur jemand das Wahlergebnis nicht akzeptieren. Na und? Es soll doch nach Recht und Gesetz zugehen, wer will sich im Ernst gegen eine Überprüfung stellen?


Auch sonst mag Lüneburg lustig. Ich habe eine Glosse zum Zirkus geschrieben und dem zu erwartenden Protest. Der aufrechte Kämpfer für die Kreatur mit Dackel, freiheitsliebender Vögel fressender Katze und dem Meerschweinchen im Käfig empfindet eine Manege als noch schlimmer wie die Verliese der Heiligen Inquisitionen mit glühenden Zangen. Dass der Artist seine Tiere mag und gut mit ihnen umgeht, ist ein Gedanke, der einen in eben die Keller der Inquisition befördern sollte. Lachen bleibt schlimmstes Gift für aufrechte Gesinnungen. Weil ich's eh gerissen hab', muss ein an die Lünepost angelehnter Witz aus einer alten Speisekarte meines verstorbenen Freundes Wolfgang her: Tierschicksal der Woche -- halbes Hähnchen 2,95. Die Preise liegen heute höher, ich weiß.


Einen habe ich noch. Haben Sie jemals von Anne Carson gehört, etwas von ihr gelesen? Dann haben Sie mir etwas voraus. Die Kanadierin hat den Nobel-Preis für Literatur erhalten. Im Bassin des Schwarms der schlauesten Intelligenz, bei wikipedia, habe ich folgenden Satz herausgekeschert: "Ihr Werk setzt sich mit antiker griechischer Literatur und zeitgenössischen Themen auseinander und überschreitet dabei regelmäßig die Grenzen zwischen Lyrik, Prosa, Essay, Übersetzung und wissenschaftlicher Reflexion." Wow. In der Buchhandlung stand nix von ihr. Wird sich ändern.


Wie kommen die in Schweden auf Schreiber, die scheinbar sehr im Verborgenen funkeln? Denken Sie an Abdulrazak Gurnah, der den Preis 2021 erhielt. 2004 soll er angeblich mit seinem Roman Schwarz auf Weiß in Deutschland bekannt geworden sein. Das ist 2004 komplett an mir vorbeigegangen. Gerd Schröder war damals Kanzler, Hartz IV das Wort des Jahres, Humankapital das Unwort und -- halten Sie sich fest -- Werder Bremen Deutscher Meister. Elfriede Jelinek bekam den Nobelpreis für Literatur übrigens im Jahr 2004. Den Namen kennen viele, ihre Bücher und Theateraufführungen eher wenige. Irgendwas mit Skandal.


Herzlichen Glückwunsch jedenfalls und tapfer sein, Frau Carson. Denn ich vermute mal, dass es ihr in Buchhandlungen über kurz oder lang so ergehen dürfte wie Kazuo Ishiguro, Mo Yan, Naguib Mahfouz und Sigrid Undset. Alle haben den Preis einmal bekommen.


Haben Sie bestimmt alle im Regal aufgereiht. Nicht? Bei mir steht neben Marx, Feuchtwanger, den Manns und Suter mit Stuckrad-Barre Raymond Chandler mit dem desillusioniertem Moralisten Philipp Marlow: Gefahr ist mein Geschäft. Wie das so ist, wenn es nicht allen gefällt. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare


Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.



Kommentar posten Kommentar posten

Ihr Name*:

Ihre E-Mailadresse*:
Bleibt geheim und wird nicht angezeigt

Ihr Kommentar:



Lüneburg Aktuell auf Facebook

Auf iOS: Teilen ➜ „Zum Home-Bildschirm“