Lüneburg, am Donnerstag den 13.08.2026

Warum Soljanka-Gemütlichkeit ein großes Vergessen ist

von Carlo Eggeling am 13.08.2026


Ich lese viel von Ost-Identität, von Benachteiligung, von guten Erinnerungen an die DDR. Simson-Mopeds, Soljanka und das große untergegangene Wir-Gefühl. Ich habe nicht in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt, ich war ab und an "drüben", um Verwandte zu besuchen. Allein wenn ich daran denke, wie es war eine Grenze mit Todesstreifen, Wachtürmen und einer Durchsuchung unseres Autos zu erleben, erschließt sich mir nicht das wohlige Ost-Gefühl. Heute vor 65 Jahren ließ die damalige Staatsführung unter Walter Ulbricht die Berliner Mauer errichten. Westberlin plötzlich umzingelt von lauter Osten. Willy Brandt, in diesen Tagen Regierender Bürgermeister im Westteil und später Bundeskanzler, sagte, ihn erinnere die Grenze an ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten.

Selbstverständlich gibt es die mahnenden Worte, den Unrechtsstaat nicht zu vergessen. Ob alle sie hören und sich erinnern? Gerade in den sogenannten Neuen Bundesländern sammelt die AfD viele Anhänger hinter sich. Eine Menge dieser Leute, doch inzwischen auch viele zwischen Ostsee und Bodensee meinen, man könne im heutigen Deutschland nicht mehr sagen, was man denke. Der Denkfehler liegt ja schon darin, dass diese Leute Unsägliches und Unsagbares sagen können, überall und gerade im Netz.

Ein Blick auf die DDR und das große Wir-Gefühl: Zwischen 1945 und 1989 gab es rund 250.000 politische Häftlinge in Gefängnissen und sogenannten Jugendwerkhöfen, dazu kamen weitere Opfergruppen wie Zwangsausgesiedelte zum Beispiel im Amt Neuhaus, die Vertreibung nannte sich Aktion Ungeziefer.

Ein Rechtssystem wie unseres bestand nicht. Die Staatssicherheit, kurz Stasi, war ein Arm der Herrschaftspartei SED. Post-, Fernmelde- und Bankgeheimis galten nicht. Gleiches gilt für ärztliche Schweigepflicht und die Unverletzlichkeit der Wohnung. Ende 1989, also im Jahr des Untergangs dieser angeblich Demokratischen Republik, beschäftigte die Stasi rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter, dazu kamen knapp 190.000 inoffizielle Mitarbeiter, das meint Spitzel, die Kollegen, Nachbarn und sogar die eigenen Ehepartner ausspionierten. Auf etwa jeden 60. DDR-Bürger kam ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.

Zeitungen und Fernsehnachrichten berichteten, was der Parteiführung genehm war. Kritische Bücher und Musik durften nicht erscheinen. Kritiker wurden ausgebürgert. Die Wirtschaft funktionierte nicht, Lebensmittel waren knapp, wer Beziehungen hatte, bekam sogenannte Bückware -- Bananen und Apfelsinen, die unterm Ladentisch lagen, oder er kaufte in Läden ein, in denen mit Westgeld bezahlt wurde. Milde Gaben von Verwandten aus Hamburg, Heibronn oder Hermannsburg. Auf ein neues Auto warteten Käufer mehr als ein Jahrzehnt.

Gern erzählt wird die Geschichte des antifaschistischen Staates, der mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus abrechnete. War nicht so. Verschiedene Minister waren zuvor Mitglieder der NSDAP. In der Volkskammer versammelten sich Ende der 1950er Jahre auch 66 Abgeordnete, die ehemals der NSDAP oder ihren Untergliederungen angehört hatten. Im letzten Zentralkomitee der SED mit rund 200 Mitgliedern, dem höchsten Organ zwischen den Parteitagen, saßen in der Regentschaft Erich Honeckers, der 1989 entmachtet wurde, noch 14 ehemalige NSDAP-Mitglieder. Die angebliche "Entnazifizierung" richtete sich eher gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, die mit der Linie der Gemeinschaftspartei SED nicht einverstanden waren, einige ließ der Staat hinrichten.

Von der Hymne der internationalen Solidarität bleibt ebenfalls wenig über. Ausländerfeindlichkeit gehörte zum Alltag, weitgehend totgeschwiegen. Neben den sowjetischen Soldaten machte der Ausländeranteil rund ein Prozent der Bevölkerung aus. Farbige hießen "Brikettis", vietnamesische Arbeiter "Fidschis". Es gab Übergriffe, fremdenfeindliche Schmierereien. Öffentlich machten solche Vorfälle Oppositionsgruppen.

Antisemitismus endete nicht mit dem Dritten Reich. Im angeblich sozialistischen Staat schändeten Rechtsextreme jüdische Friedhöfe. Die Propaganda des Staates tat ein übriges, man blieb bei den antikapitalistischen Parolen des Naziregimes. Israel galt als Brückenkopf des "Weltimperialismus", finanziert von Bankenkonsortien. Es erinnert an die Sprache des NS-Systems vom "Weltjudentum".

Manches scheint zu bleiben. Israel, das von Staaten umgeben war, die den Staat Israel ins Meer schieben wollten, galt als Feindbild. Auch damals ging es um die Palästinenser. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN schrieb 1978 zum Beispiel: "Israel hat von Nazi-Deutschland gelernt“ und beginge einen "Völkermord" an den Palästinensern, "die Juden -- als Opfer -- wurden zu Henkern".

Staatschef Walter Ulbricht soll gesagt haben: "Und die Juden? Nun wir waren immer gegen die jüdischen Kapitalisten, genauso wie gegen die nichtjüdischen. Und wenn Hitler sie nicht enteignet hätte, so hätten wir es nach der Machtergreifung getan."

Das bessere Deutschland? Soljanka-Romantik? Angemessen? Willy Brandt setzte sich für eine Annäherung der beiden deutschen Staaten ein, für die Wiedervereinigung. Er war glücklich, als die friedliche Revolution im November 1989 das DDR-Regime zur Seite fegte. Darin lag und liegt im Sinne Brandts die Hoffnung, eines demokratischen Staates.

Am 13. August 1961 trennte die Mauer das Land endgültig, nach 1989 wuchs es zusammen. Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Gewerbefreiheit. Wer heute von angeblichen undemokratischen Verhältnissen in der Bundesrepublik spricht, sollte im Geschichtsbuch blättern. Macht Sinn. Carlo Eggeling



Die Bilder zeigen den Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen.

© Fotos: ca


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