Wer macht den Stich bei der Stichwahl?
von Carlo Eggeling am 26.09.2026Meine Woche
Pessimistischer Optimismus
Treffen sich ein Optimist und ein Pessimist. Der Pessimist sagt: „Es kann nicht mehr schlimmer kommen, als es ist.“ Der Optimist entgegnet: „Doch.“ Habe ich vorhin gelesen und sehr gelacht, denn morgen wählen wir. Im Landkreis geht das sicher gut aus, da treten zwei an, die Verwaltung können, zumindest handwerklich läuft es solide weiter oder verbessert sich. Sowohl Steffen Gärtner, bislang Chef der Samtgemeinde Gellersen, als auch André Schuler, der beim Kreis arbeitete und nun für den Landesrechnungshof tätig ist, sind vom Fach. In der Stadt kandidieren zwei, deren Fähigkeiten, wie soll ich sagen, ausbaufähig scheinen.
Angeblich soll man nicht auf Äußeres achten. Das ist Blödsinn, weil wir selbstverständlich unsere Umwelt wahrnehmen und einschätzen. Zudem ist Politik ein großes Schauspiel. Claudia Kalisch will nicht als Grüne antreten, sondern aus dem Amt heraus, weil sie Oberbürgermeisterin für alle sein möchte. Das ist sie auch so, weil sie als Verwaltungschefin ja keine Anweisungen geben kann, dass beispielsweise Knöllchen nur an grüne Falschparker verteilt werden, weil die nicht mit dem Velo in die City geradelt sind.
Die Partei investiert Zehntausende in Anzeigen, Promi-Besuche wie vom wohligen Öko-Gewissen Robert Habeck und Gesprächskreise mit Wirtschaftsgrößen. Angesichts der Masse haut die Partei mutmaßlich mehr Bares raus als die Mitbewerber. Augenscheinlich schimmert Lüneburg als Stern im grünen Kosmos. Dazu assistiert die Pressestelle im Rathaus mit dem Kanal Oberbürgermeisterin Kalisch bei Facebook und Instagram, ganz zufällig muss Frau OB gerade jetzt so viele Termine wahrnehmen, nur dienstlich selbstverständlich und unbedingt dokumentationswürdig.
Kalisch inszeniert sich -- Fettnäpfchen, ich weiß -- Foto um Video um Foto als blonder Wirbelwind mit allen und allem. Bei so viel Licht darf es keinen Schatten geben. Ein namenloser Grüner muss ran, um in einem Filmchen zu erklären, dass Herausforderer Heiko Meyer angeblich nix gebacken bekommen hat und gemein zu Claudi war. Zudem habe er Knies mit der SPD-Fraktion im Rat gehabt. Der Mann erwähnt allerdings nicht, dass es um den vorvergangenen Rat ging, in dem Meyer als Parteiloser mit der SPD saß, fünf Jahre her. Dem aktuellen Rat gehörte Meyer nicht an.
Meyer, der als Unabhängiger auftritt, erledigt solche Jobs selbst, man sieht ihn förmlich die Ärmel hochkrempeln. Dazu ein Grinsen wie kurz vor einer Rauferei: In fünf Jahren Kalisch habe sich nichts bewegt.
Es schäumt grün angesichts solcher Sätze. Kaderorganisationen der Grünen wie der Radentscheid empören sich. Wie schön! Läuft, wie gedacht, dürfte Meyer sich freuen. Er gibt sich als Kumpel, als einer, der zuhört, anpackt, aufräumt. Immer mitten in Lüneburg. Kein Glamour, Familie und Freunde an seiner Seite -- ich bin's Euer Heiko.
Inhalt ist wichtig. "Das ist der Start in eine neue Zeit", meint Claudia Kalisch. Ein klimaneutrales Lüneburg wolle sie, dazu gehören eine echte Mobilitätswende zur Fahrradstadt, Beteiligung von Jung und Alt, ausreichend Wohnraum, attraktive Arbeitsplätze, gute Kitas und Schulen. Ein Programm, dem kaum jemand widersprechen dürfte. Frisch und modern. Bloß all das hat sie so im November 2021 versprochen, als sie sich im Audimax der Uni inthronisieren ließ. Ihr Programm heute klingt ziemlich gleich -- Oldies but Goldies?
Heiko Meyer. Er tritt ebenfalls mit ähnlichen Forderungen wie vor fünf Jahren an. Belebung der Innenstadt, Bürgernähe durch Zuhören, Wohnraum schaffen, Wirtschaft im Blick haben. Das bleibt immer richtig. Bei beiden bleibt: Wie macht ihr das?
In der Stadt positionieren Parteien sich nicht für die eine oder den anderen. Die SPD hat es ihren Genossen freigestellt; es trommelt im Heiko-Lager, das sich nicht grundsätzlich durchsetzen konnte, nun macht jeder, wie er meint.
Was als Respekt vor dem Willen des Wählers verkauft wird, ist mit Blick auf die Zukunft letztlich beliebig: Mit wem wollen SPD, CDU, FDP und Linke im neuen Rat was durchsetzen? Würde man sich jetzt hinter Kalisch oder Meyer versammeln, würde das eine Linie zeigen und damit eine Richtung, beispielsweise in Sachen Rad, Auto, Busverkehr. Der Form halber: Mit der AfD will keiner.
Im Kreis, in Lüneburg und Adendorf stehen Stichwahlen an. Für alle Bewerber geht es darum, möglichst viele zu mobilisieren. Eine Aufgabe, denn zum zweiten Wahlgang machen sich zumeist weniger auf. Liegt also an uns, wen wir wo sehen wollen. Und das für die nächsten acht Jahre. In der Stadt besitzen die Grünen einen Vorteil, die besitzen hier ein großes Potenzial. Für den Kreis könnte man eher schwarz sehen. Wer weiß.
Damit sind wir wieder am Anfang: "Treffen sich ein Optimist und ein Pessimist. Der Pessimist sagt: „Es kann nicht mehr schlimmer kommen, als es ist.“ Der Optimist entgegnet: „Doch.“
Puhhhh. Gerade dies Leben ist eins der schwierigsten. Carlo Eggeling
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